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Sonntag, 16. Juli 2017

„Oh, das ist jetzt aber blöd.“

Eine Szene wie aus Ladykracher. Das Setting: Klassenfahrt. Es ist kurz nach Mitternacht und ich wäre dabei Anke Engelke, die sich mit verschränkten Armen und bösem Blick vor einem Schüler aufbaut, der sich gerade aus der dritten Etage zu den Mädels nach unten schleichen möchte. Der junge Mann steht da barfuß, in Shorts und T – Shirt. Die Überraschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er hat nicht damit gerechnet, dass ich ihn dabei ertappe, dass er eine gute Stunde nach Beginn der Nachtruhe sein Zimmer verlässt.

Aus dem Unterricht kenne ich ihn äußerst spontan und reaktionsschnell, um nicht zu sagen frech und durchaus auch vorlaut. Nach einer Schrecksekunde stellt er dann trocken fest: „Oh, das ist jetzt aber blöd. Ich geh dann mal wieder.“ So dreht er sich um und verschwindet treppauf. Ich grinse in mich hinein und sag leise: „Ja, dann mach das mal…“

Schnitt

Dann berichte ich meiner Kollegin davon und uns schüttelt ein heftiger Lachflash mit Tränen in den Augen. Wir sind uns einig. Klassenfahrt fetzt!

Freitag, 29. Januar 2016

Verschwinden

Nachdem ich mich schon vor einiger Zeit - huch - es sind doch tatsächlich schon mehr als fünf Jahre als Lehrer geoutet habe, offenbare ich hier nun eine Leidenschaft aus meinem Privatleben. Ich spiele nämlich seit einem Jahr Theater. Viele mögen jetzt vielleicht der Meinung sein, dass ich das gar nicht bräuchte, denn schließlich hab ich ja schon beruflich den ganzen Tag Theater. Das mag wohl in gewisser Weise schon richtig sein, aber die Stücke, die meine Schülerleinchen so abliefern, sind meist nicht ganz so gut und der Unterhaltungswert hält sich nicht immer, aber meist auch in Grenzen. Außerdem muss ich beruflich immer die Rolle "Lehrer" geben, auch wenn die durchaus sehr abwechslungsreich sein kann, war ich auf der Suche nach neuen Herausforderungen.

So landete ich also beim Theater. Diese Rolle, die mir zugeteilt wurde, war nun wirklich nicht für mich geschrieben, wohl eher im Gegenteil und verlangte einiges von mir. Doch nach und nach hab ich mich mit diesem fiesen Typen, den ich darstellen muss, angefreundet. Ich bin im Alltag nämlich recht selten, also eher gar nicht fies. (Naja außer manchmal zu Schülern, wenn sie keine Hausaufgaben machen oder mir nicht zuhören.) Doch mittlerweile macht mir diese Rolle sogar richtig Spaß. Ich muss gestehen, so ein bisschen Fiessein fetzt.
Die Premiere war aufregend. Das Adrenalin schoss durch meinen Körper. Es war wirklich eine krasse Erfahrung. Doch nach dem dritten oder vierten Auftritt war es echt schwer die Konzentration zu behalten. Zwischen meinen Auftritten saß ich also mit meinen Schauspielkollegen hinter der Bühne. Wir müssen uns ja leise verhalten, damit wir das Stück vorn auf der Bühne nicht stören und auch das Publikum nicht ablenken. Somit fallen Gespräche schon mal aus. Es bleibt leises Getuschel, das uns ab und an ein wenig die Zeit vertreibt. Manchmal wird mit dem Händi gespielt. Doch letztendlich sitzen wir alle auf Stühlen und warten auf unseren nächsten Auftritt.
Ich gähne. Ich bin echt müde und mir ist wirklich langweilig. Es ist also keine Überraschung, dass ich nochmals gähne. Und nochmal. Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass mir schrecklich langweilig ist? Ich gähne schon wieder sehr herzhaft. Meine Schauspielkollegin schaut mich ernst an und fragt nur kurz: "Langweilig?" Ich reiße die Augen auf. Ich bin irritiert und denke nur: "Ja klar und wie!" Dann fügt sie mit einem Augenzwinkern hinzu: "Dann geh doch!" 

Der Gag saß. Ich wollte lachen, aber ihr wisst schon, wir sitzen immer noch hinter der Bühne und das Stück ist noch lange nicht zu Ende.

Freitag, 30. August 2013

Gute Lehrer messbar!

In einer anregenden Diskussion mit meiner Zehnten tauchte plötzlich das Thema "Lehrer" und "Verbeamtung" auf. Den Zusammenhang kann ich nicht mehr rekapitulieren, denn eigentlich ging es ursprünglich um das Thema "Demokratie". Es tut andererseits auch nichts zur Sache, wie es zu diesen Themen kam. In dieser hitzigen Debatte, die sich plötzlich um DEN guten Lehrer drehte (und dass es davon keine an unserer Schule gäbe, so Ina), meldete sich leis die äußerst besonnene Michi und fragte nicht ohne eine gewisse Schärfe und Provokation in ihrer Stimme, was denn überhaupt ein guter Lehrer sei und wie man das denn überhaupt messen könne. Bevor ich überhaupt reagieren könnte, grinste Anton sie und mich kurz verschmitzt von der Seite an und schnalzte mit der Zunge. Diese Geste wirkte ein wenig so als wolle er 2 Minuten vor Unterrichtsende klare Kante zeigen und darauf hinweisen, dass wir sowieso keine Zeit haben das aus zu diskutieren.Vermutlich war ihm zudem auch klar, dass dies mit an 100 Prozent grenzender Sicherheit wieder zu einer in meiner Zehnten auch typischen, geradezu legendären ergebnislosen Endlos-Diskussion führen würde. Nach Grinsen und Schnalzen schloss er die Debatte mit einem Paukenschlag, indem er nur trocken hinzufügte, dass es da wohl so ein Thermometer gäbe. Ich lachte, Michi auch. Wir nickten uns zu und wir verstanden.
Nachdem ich im Kollegium diese Thermometer-Geschichte erzählte, waren diese natürlich ganz heiß auf mehr Informationen. Zum einen war von Interesse, wo es denn dieses Thermometer gebe und vor allem welches Format es habe also so ein kleines für Babys oder größer. Und vor allem, wo denn da genau gemessen werden würde...

Freitag, 30. November 2012

Eine Nachricht

Normalerweise schreiben sich ja Schüler untereinander Briefchen. Doch heute bekam Frau Neumann eine kleine Nachricht von einem Schüler zugeschoben. Mit diesem Briefchen kam sie dann aus dem Unterricht, schob ihn mir quer über den Tisch mit einem zauberhaftem Lächeln im Gesicht zu und mit einem nahezu verschwörerischen Unterton flüsterte sie: "Da schreibt doch jemand einen Blog..."
Sie erklärte mir noch kurz, dass sie dieses Zettelchen von Momo bekam. Als sie direkt hinter ihm stand, schob er ihr den folgenden zu...

und drin stand...

Freitag, 16. November 2012

Pups-Post

Die Jugend von heute stellt manchmal schon merkwürdige Dinge an. Das Ganze wäre nicht so schlimm, wenn sie mir nicht ständig und ohne Hemmungen davon berichten würde. Aber davon abgesehen, bin ich ja dann doch auch die offenherzige Berichterstattung meiner Schüler gewohnt. So berichtete mir Tim, dass Justus ganz coole Aufnahmen auf seinem Händy hätte und da ich doch auch schon manchmal ein klein wenig neugierig bin, setzte ich den "Erzähl doch mal"-Blick auf. Ich hatte in dem Moment ein wenig Angst und wusste in weniger als einer Sekunde, dass ich dieses Interesse bereuen würde. Tim erzählte, dass Justus das aufnahm, was zumindest die meisten von uns verschämt, leise und möglichst unauffällig tätigen. Es gibt also stinkende Tondokumente von seinen Flatulenzen, auch Pupse, Fürze oder veraltet Winde genannt. Diese Geschichte irritierte mich. Doch die Nachfrage, ob ich das denn mal hören wolle, verstörte mich, nun nicht gerade zutiefst, aber dennoch verstörend. Ich runzelte die Stirn, schüttelte mit leicht angewiderten Blick den Kopf und lehnte ab. Tim und Justus lachten sich scheckig. Also wie gesagt, die Jugend von heute stellt merkwürdige Dinge an.
Im Kollegium berichtete ich nun diese Geschichte. Herr Schillers Blick wirkte zunächst ein wenig verstört und er fragte dann, vermutlich nur sicherheitshalber und wegen der Akustik, doch nochmal nach: "Was? Seine Fürze?" Ich nickte nur kurz. "Also wie muss man sich denn das dann praktisch vorstellen?", fragte Herr Schiller. (Mein Deutschlehrer nervte mich früher schon immer mit diesen sogenannten rhetorischen Fragen.) So riss ich nur verdutzt die Augen auf, denn das wollte ich mir nicht praktisch vorstellen, unter gar keinen Umständen. Aber Herr Schiller sprach unbeirrt weiter. "Da hält man sich also das Händy an den Arsch und lässt einen fahren." Ja, dachte ich noch so bei mir, so muss es wohl sein und hatte schon böses Kopfkino. Nochmal vielen Dank, Herr Schiller!

Dann brach herzhaftes Gelächter im Lehrerzimmer aus. Herr Schiller berichtete nun davon, dass sie sich (damit meinte er wohl seine Freunde) als sie jung waren, die Fürze wenigstens noch angezündet haben. Außerdem war diese Aktion so vor 20 oder 30 Jahren kaum denkbar. Herr Schiller sah Herrn Drechsler an, lachte laut und rief mit aufmunternder Geste: "Schließ doch erstmal das Mikro an! Und stell dir mal vor, wie schwer diese Geräte damals waren, eh man das über'n Tisch gewuchtet hatte und dann halt das mal lang genug bis der passende Sound drauf ist..." Herr Schiller und Herr Drechsler hatten vor Lachen Tränen in den Augen. Ich gehe davon aus, dass sie die High-End-Geräte aus DDR-Zeiten im Kopf hatten und sich dabei vorstellten, wie diese Aktion mit ihren Freunden vor gefühlten hundert Jahren ausgesehen hätte.
Bei mir war es ähnlich, denn ich ging mit Kopfkino nach Hause und gugelte dann schnell mal ein Bild des stylischen holzgetäfelten Sternrekorders meines Vaters. Für solche Aktionen, wie mal eben schnell einen Furz aufnehmen, war der auch nicht gemacht, denn einfach zu schwer und zu unhandlich als dass ich ihn mir für diese Aufnahme hätte an den Hintern halten können...

Dienstag, 6. November 2012

Kinderkacke

Die zehnten Klassen sind im Moment außer Haus und gerade im Praktikum. So hatte ich heut zwei wunderbare Freistunden, die ich mal so ausgiebig genießen konnte, indem ich mal wieder etwas tat, für das ich solange keine Muse hatte: ein neues Arbeitsblatt erstellen, gestalten und nach allen Regeln der Kunst zu formatieren. Das sieht mal wieder todschick aus, nur schade, dass ich jetzt schon weiß, dass die Schüler nicht zu schätzen wissen, wieviel Arbeit ich in solch ein selbst erstelltem Arbeitsblatt stecke. Das kann man sich ja alles fix und fertig bei gugl runterladen.

Außerdem konnte ich nochmal über den gestrigen Eltern-Schüler-Sprechtag sinnieren. Da war die kleine Lena aus der Siebten, die im Unterricht kaum den Mund aufbekommt, dafür allerdings immer fleißig am Schreiben ist - nur nicht das Tafelbild, sondern eher Briefchen an Thorsten aus der Achten. Als sie dann gestern neben ihrer Mutter und vor mir saß, kriegte sie plötzlich kaum noch den Mund zu und ich war erschüttert wie sich die Mutter von dieser kleinen unverschämten Kackbratze über den Mund fahren ließ. Auch Herr Drechsler stimmte mir zu. Er hatte kurz nach mir das Vergnügen. Kurzerhand hat er Lena rausgeschmissen, also nein, er hat sie höflich gebeten, den Raum zu verlassen, damit er sich in Ruhe mal alleine mit ihrer Mutter unterhalten kann. Dennoch beläuft sich das Resümee auf Altbekanntes.

Und dann war da noch dieses Verhalten, das Kindergartenniveau hatte und das obwohl ich mich, zumindest laut Stundenplan in einer siebten Klasse befand. Tobi erklärte mir, dass Max und Paul ihn mobben und ihn die ganze Zeit mit Papierkügelchen bewerfen. Tim war ganz aufgelöst, weil man ihm angeblich seinen Stift geklaut hatte und außerdem habe Martin ihn geschlagen. Darauf rechtfertigte sich Martin, dass aber Tim angefangen habe. Das ginge jetzt aber zu weit, erklärte Tim, er müsse sich ja schließlich wehren, wenn ... ja, wenn... Ich hätte mir das ja alles angehört, wenn ich das nicht schon gefühlte tausend Mal mit viel Ruhe, pädagogischer Fürsorge und einem dicken, fetten Helfersyndrom gemacht hätte. Ehrlich, ich hab mir immer für diese Kleinigkeiten viel Zeit genommen und nach Kompromissen und Erklärungen gesucht. Doch diesmal platzte es aus mir heraus: "Das ist doch alles Kinderkacke! Darüber diskutiere ich nicht! Schluss!!!"

Donnerstag, 26. Januar 2012

Vaduz, Vaduz, Vaduz

Die meisten Schüler meiner Zehnten arbeiten ruhig und konzentriert, füllten mit den Köpfen in den Atlanten ihr Arbeitsblatt mit allen europäischen Ländern aus. Nur Karl las Zeitung, aber egal, wenigstens nervte er nicht. Plötzlich schreckten die Jungs und Mädels hoch und drehten sich um. Ich schaute in die vorletzte Reihe, wo Marios Hand noch flach auf dem Tisch lag. Vermutlich hat er mit seiner flachen Hand auf den Tisch geschlagen. Er schnaufte ein wenig, seine Nüstern blähten sich nervös und er rollte mit den Augen. Ich wartete darauf, dass er Feuer spie. Ganz vorsichtig ging ich auf ihn zu und fragte, ob ich ihm denn helfen könne. Langsam, gaaanz langsam, aber bestimmt schüttelte er den Kopf und zwischen zusammengebissenen Zähnen kämpfte sich der Name seiner Banknachbarin hervor: "Aileen! Bitte!"
Aileen lächelte unschuldig und strich sich mit der linken Hand ihre langen braunen Haare aus dem Gesicht. Ihre braunen Kulleraugen leuchteten. Mario kämpfte immer noch mit sich. "Aileen, hör bitte auf! Vaduz, Vaduz, Vaduz!" Dann lachte Aileen hell und gab ihre Erklärung dafür, warum sie immer den Namen der Hauptstadt Liechtensteins vor sich hin murmelte. "Wenn ich es vor mich hersage, dann find ich es schneller!" Mario schien kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Er verdrehte nochmals die Augen, blickte wie zu einem Stoßgebet gen Himmel und bekreuzigte sich dann noch ein wenig zu pathetisch.
Manche mögen seine Reaktion für völlig überzogen halten, aber all denen sei gesagt, sie kennen Aileen nicht. Ihr Freund teilte einer lieben Kollegin vor kurzem völlig unvermittelt mit, dass er ja durchaus auf Mädels stünde, die ein wenig schusselig seien, aber Aileen würde es dann doch übertreiben.
Aileen hatte nun ihren Kopf wieder in den Atlas versenkt, um weiterzusuchen. Erschrocken schaute sie nach oben, erst sah sie mich an und dann Mario. "Jetzt hab ich vergessen, was ich suche!" "Vaduz", antwortete ich vorsichtig, denn ich sah schon, dass Marios linke Augenbraue wieder nervös zu zucken begann...

Am Ende der Stunde gab es glücklicherweise keine Toten, sondern nur fröhliche Schüler, die mir schon mal schöne Ferien wünschten, falls wir uns morgen nicht mehr sehen sollten. Da trat Nico an mich heran, senkte seine Stimme in einen etwas seltsamen Tonfall, der durchaus als bemitleidend zu erkennen war und merkte noch an, dass wir Lehrer ja nun leider auch in den Ferien in die Schule kommen müssten. Ich fragte entgeistert, wie er denn darauf komme. (Nur so nebenbei möchte ich doch noch anmerken, dass das nicht so ganz falsch ist, aber wir müssen nicht in jeden Ferien auf der Matte stehen.) "Naja" begann er zu stottern, "das hat mir mal jemand erzählt, dass Sie auch in den Ferien hier sein müssen." Daniel schritt beherzt ein und konterte blitzschnell und messerscharf: "Mensch Maier, du glaubst wohl auch die Lehrer hätten sonst keine Hobbies!" Genau, dachte ich bei mir und freute mich, dass Daniel den Maier mal so richtig abgebügelt hatte.

Dienstag, 20. Dezember 2011

Und warum stehen Sie?

So kurz vor Weihnachten drehen meine Jungs nochmal richtig auf und sprühen nur so vor Charme, sogar solche von denen ich es nicht erwartet hatte. Heut war das zum Beispiel René. 

Die ganze Geschichte verlief also folgendermaßen: Zu Unterrichtsbeginn müssen unsere Schüler zur Begrüßung aufstehen. (Vermutlich hatte ich das auch irgendwann schon mal erwähnt.) Ich warte dann immer so lang bis alle Schüler still sind und das kann manchmal sehr sehr lange dauern. (Das hab ich dann vermutlich auch schon irgendwann mal erwähnt.) In den zehnten Klassen lässt sich diese Prozedur meist zügig durchziehen. Nur heut dauerte es ewig. Erst musste Karl noch ein Späßchen machen (unter dem Motto: "Schaun'se doch mal, Frau Dingens, das ist doch voll witzig), dann drehte sich Daniel nochmal um und Mäxchen musste sowieso nochmal stänkern. Ich verdrehte schon genervt die Augen. Normalerweise wirkt das in den Zehnten schon, denn die können meine Mimik schon ganz gut lesen und wissen genau, welche Laune ich damit ausdrücken möchte und vor allem welches Verhalten ich von ihnen dann erwarte. 
Direkt vor mir in der ersten Reihe stand René und maulte irgendwas vor sich hin, was ich zum Anlass nahm mich mal grundsätzlich über die aktuelle Situation auszukotzen. Ich begann meinen kleinen Anschiss damit, dass ich vorgab, seine Maulerei durchaus verstehen können. Schließlich sei es ja auch schrecklich hart zu Unterrichtsbeginn mal eben für ein paar Sekunden ruhig dazustehen. Bei diesem ganzen Prozedere würde ich mich schließlich auch immer ganz mies fühlen, weil ich es im Grunde gar nicht gut ertragen könne, dass so junge Leute so lang stehen müssten. 
Mir war schon klar, dass nur die wenigsten Schüler diese Ironie verstehen und ob sie René verstanden hat, vermag ich nicht zu sagen, aber er antwortete mir mit fragendem Blick und den Worten: "Und warum stehen Sie dann noch?" So recht verstand ich erst gar nicht, was er mir sagen wollte. Aber nachdem seine Worte einige sehr lange Sekunden durch mein Gehirn zirkulierten, wurde mir klar, dass das vermutlich ein Kompliment sein sollte. Stefan, der nur einen Tisch hinter René stand, riss die Augen auf, hob die Hand und zeigte nahezu schon fassungslos auf René. Dann schnappte er kurz nach Luft und prustete: "Frau Dingens, haben Sie gemerkt, René hat Ihnen grad ein Kompliment gemacht!" Ich nickte ein wenig verstohlen, strahlte dann aber über das ganze Gesicht. "Ja, ich hab es gemerkt!" Ich lächelte René an. "Und ich bin beeindruckt, denn damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet." René lächelte zurück. Ich glaube, er war ein wenig verlegen...

Montag, 5. Dezember 2011

Nur zwei Stullen

Heute Mittag hatte ich Aufsicht in der Cafeteria. Bei dieser Aufsicht geht es in erster Linie darum, die Kinder zu guten Tischmanieren (wie beispielsweise Essen mit Besteck und Eintopf nicht vom Brot abschlabbern) und zu Sauberkeit (also nicht die ungeliebten Zwiebelstückchen mit dem Löffel aus dem Teller quer über den Tisch zu katapultieren) zu animieren. 
Nach dem Mittagessen verweigerte ein sonst äußerst friedlicher und liebenswerter Schüler das Tischabwischen. Er verließ mit nicht zu überhörendem Gemaule den Raum und verweigerte schlichtweg die von mir aufgetragene Aufgabe und das obwohl er derjenige war, der verschiedene Bestandteile seines Eintopfes über den Tisch verteilte. Egal, was ich sagte und egal, wie ich es sagte - nichts wirkte. Selbst die Drohung eines Cafeteria-Verbotes für eine Woche stieß nur auf ein gelangweiltes Schulterzucken. Mein Standpauke perlte an ihm ab, wie der Regen an so einer neumodernen nanobeschichteten Oberfläche.

Ich war enttäuscht, aber vor allem wütend und zwar so unfassbar wütend, dass mir die Tränen kamen. Beim Weg über den Schulhof, zurück ins Lehrerzimmer, riefen mir ein paar Schüler nach: "Was'n los Frau Dingens?" Wie ein trotziges Kleinkind hätte ich am liebsten mit dem Fuß aufgestampft, mir die Rotze mit dem Ärmel von der Nase gewischt und ihnen mitgeteilt, dass der Christoph ein beschissenes, verficktes Arschloch ist und dass er sich mal selber ficken könne. Aber da ich ja wieder so irgendwas mit Pädagogisch sein muss, blieb es dann nur bei einem lauten und wütendem "Nichts!"

Nach dieser eiskalten Abfuhr wieder im Lehrerzimmer angekommen, wühlte ich in meinen Papierstapeln und fluchte leis vor mich hin. Zum einen, weil ich so einen verfluchten, verfickten Kackzettel suchte, auf dem ich mir heut Notizen und Noten zu Referaten der Neunten vermerkt habe und zum anderen, weil dieser beschissene Stapel an Kurztests auf meinem Schreibtisch einfach nicht kleiner wird. Neuerdings mache ich ja auch noch Heftkontrollen. Diese sagenhaft fantastische Idee hatte ich wahrscheinlich, weil damit die Stapel auf meinem Schreibtisch auf diese Weise noch schneller in unermessliche Höhen wuchern können. Der überaus sympathische Herr Schiller, der mir gegenüber sitzt, strahlte mich mit seinen blauen Augen an, zwinkerte und fragte nur: "Frau Dingens, na wat is los?" 
Da konnte ich nicht mehr, da brach es aus mir raus und zwar alles. Das mit den verfickten Stapeln auf meinem Tisch, die einfach ums Verrecken nicht kleiner werden wollen. Das mit dem beschissenen Zettel mit den Noten der Referate. Dann zu allerletzt noch das widerlich großkotzige Benehmen von Christoph. Und das alles nur wegen zwei Stullen, die der Meier auf dem Tisch liegen lassen hat und weswegen der Christoph den Tisch nicht abwischen wollte.

Dienstag, 6. September 2011

Hinter den Kulissen

Bei uns herrscht, wie in jedem anständigen Lehrerzimmer immer geschäftiges Treiben. Jeder Kollege ist stets um qualitativ hochwertige Arbeit bemüht. Die Vorbereitungen, die selbstverständlich bereits in häuslicher Vorarbeit geleistet wurden, werden nochmals geprüft und die erforderlichen Kopien sind freilich auch schon vor dem Unterricht gemacht worden, nein, ich meine natürlich bereits am Vortag. Dennoch wird jede einzelne Kopie nochmals nachgezählt und kontrolliert. Mit größter Sorgfalt werden Test und Arbeiten korrigiert. Zweifelsfälle werden immer im Kollegium ausschließlich unter pädagogischen Gesichtspunkten diskutiert. Im Lehrerzimmer herrscht immer angemessenes Schweigen und distanzierte Zurückhaltung. So oder so ähnlich stellt man sich vielleicht die Pausen im Lehrerzimmer vor.

Das entspricht in unserem Kollegium auch den tatsächlichen Tatsachen. Immer, fast immer. Nur ganz selten schreckt der eine oder andere Kollege nach Ansprache (meistens will die Sekretärin irgendwas) aus seinem feierlichen Schweigen hoch, reißt die Augen auf und wehrt fast schon schülergleich ab: "Ich war es nicht! Ich hab nix angefasst!" Und schon erklärt uns unser Lieblingsgrieche, dass dies aber im Grunde doch sein normaler Arbeitstag sei, ja geradezu bulemisch würde er sich hier bewegen. Dann zelebriert er noch einen seiner mehr als beliebten Kalauer, in deren Genuss wir leider viel zu selten kommen. Beispielsweise begrüßte er die neue Kollegin Neumann mit den Worten "die ist aber neu, mann!" Worauf Herr Schiller mit dem geschickten Konter des Deutschlehrers antwortete: "Hör bloß auf du, ich weiß, wo dein Haus wohnt!" Die neue Frau schlug nur  die Hände über dem Kopf zusammen. Offensichtlich fragte sie sich gerade, wo sie denn hier gelandet sei. Sie schüttelte den Kopf mit den Worten: "Auweia, auweia, ich krieg ganz böse Ohrenkrebs!" Mit einem milden Lächeln beschwichtigte sie Herr Schiller: "Da gewöhnst du dich schon dran..."

Es gibt aber auch Tage, da sieht es in unserem Lehrerzimmer ganz anders aus. Aber leider viel zu selten... Vor allem wird da auch mal gelacht, denn das passiert in unserem Lehrerzimmer nur ganz, ganz, ganz selten!

Spaß im Lehrerzimmer: Vor, während und nach der Arbeit

Dienstag, 30. August 2011

Mathematische Höchstleistung

Eine junge Dame aus der zehnten Klasse erreichte heut die höchsten mathematischen Sphären, so berichtete mir der neue Mathematiklehrer unserer Schule. Nachdem er eine Gleichung an die Tafel schrieb, fragte Aileen, warum sich denn dort an der Tafel zwei Minuszeichen übereinander befänden...

Die Mathematiker unter uns verstehen sicher gleich, dass es sich dabei um ein Gleichheitszeichen (=) handelt. Dabei kann man nur sagen: Hut ab, Aileen, auf jeden Fall besticht sie durch ein ausgeprägtes ikonografisches Verständnis...

Montag, 10. Januar 2011

Schule und Sysiphos

Ohne Schnörkel, ohne Rückblick und ohne irgendwelche wehmütigen Kommentare startet mein Blog ins neue Jahr, das den merkwürdigen Eindruck auf mich macht als wäre es schon mindestens 3 Monate älter als es tatsächlich ist. Die Schule hat mich grad eine Woche wieder und es fühlt sich so an als hätte es gar keine Ferien, kein Weihnachten und auch kein Silvester gegeben. Wie einen die Arbeit in der Schule einspannt und fordert, vergleicht Frl. Krise so schön mit Sisyphos. Und ich kann es nur bestätigen. Eine mit der Formulierung "Wir haben uns in der vergangenen Stunde mit der Topographie der Türkei beschäftigt." begonnenen Stunde kann nur in einem Desaster enden, denn von Türkei und vor allem von diesem Topo-Dings-Zeug haben garantiert 22 von 24 Schüler noch nie etwas gehört. Angekündigte Kurztests enden auch schon mal mit einem Durchschnitt von 4,1 und das ohne Kontrolle der Rechtschreibung.

Zwischen gegenseitigen Schuldzuweisungen, Unschuldsbekundungen und gaaanz ehrlich gemeinten Entschuldigungen fechte ich noch einen Kampf mit den Zehntklässlern aus, die es völlig unangemessen finden, dass sie nun in meinem Unterricht selbstständig arbeiten sollen. Interessanterweise interpretiert ein Teil der Schüler das Ganze so, dass ich einfach schlecht vorbereitet sei und sie meine Arbeit machen sollen. Dabei kann ich zwar durchaus gut verstehen, dass sie es grundsätzlich zu anstrengend finden, sich selbst zu strukturieren, ihre Aufgaben selbstständig zu lösen und letztendlich auch noch unfassbarerweise selbstständig zu denken. Auch wenn mich Herr Schiller schon mehrfach davor gewarnt hat und dass ich mit diesem Vorhaben nahezu Unmögliches erwarte, werde ich dennoch den achso unglaublich erwachsenen Zehntklässlern die Ergebnisse nicht auf dem Silbertablett servieren. Diesen Kampf werde ich wohl noch weiter ausfechten müssen...

Doch am Ende des Tages sollte ich doch versuchen ein positives Fazit zu ziehen und es fällt mir gar nicht so schwer. Denn Mäxchen aus der Neunten, die ich ja eigentlich nicht mag, hat mir die kleine Freude beschert. Mein Praktikant unterrichtet grad in dieser Klasse und als ich durch die Reihen ging, raunte mir Mäxchen zu: "Oh, Frau Dingens, ich mag den nicht. Sie sind viel cooler!" Bloß gut, dass dieser Praktikant am Ende des Monats endlich weg ist. Ups, und schon wieder was worauf ich mich freuen kann!

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Call me, Baby

Es war heut wieder ein ganz besonderes Vergnügen für mich in die 9A zu gehen, denn ich mag sie. Eine ganz eigenwillig liebenswerte Truppe: 15 Jungs und 4 Mädchen. Hier kocht sozusagen das pubertäre Testosteron. Und das kann man wörtlich nehmen.
Heut in der ersten Stunde begrüßte mich Karl direkt mit leuchtenden Augen: "Ach Frau Dingens, ich hab mich schon auf Sie gefreut. Sie sehen heut wieder echt scharf aus." Und das war nicht das erste Mal. Schon mehrfach musste ich solch billige Anmachen einiger Schüler abwehren. Da war auch Karl schon immer ganz vorn dabei, vor allem sein legendäres Angebot führte im Kollegium zu lautstarkem Gelächter und wird gern wieder aufgegriffen, um sich nach dem aktuellen Stand der Dinge zu erkundigen.
In der zweiten Stunde gab es doch tatsächlich auch mal eine fachliche Frage von Tony, die dann aber von Dennis jäh unterbrochen wurde, indem er Tony zurief: "Vergiss es, du bekommst ihre Handynummer nicht!" Worauf Tony mich fragte, ob ich denn seine Nummer haben möchte. Ich zuckte nur die Schultern und antwortet, er solle sich keinen Zwang antun. Noch ehe ich diesen Satz beendet hatte und auch nicht mal im entferntesten daran dachte, welche Konsequenzen das haben könnte, hatte ich einen Zettel mit einer Handynummer in der Hand. Tony grinste von einem Ohr zum anderen und erklärte mir dann, dass er sich auf meinen Anruf freuen würde. Wenn ich geahnt hätte, was jetzt kommt, hätte ich - ja hätte ich anders reagiert? Nein, ich glaube nicht, denn ich fand es lustig, wie dann plötzlich weitere Jungs begannen Zettelchen zu schreiben und mir dann zuriefen: "Frau Dingens, wollen Sie auch meine Nummer? Ich bin Single! Keine Angst, ich tu ihnen auch nichts!" Ich lachte herzlich. Dann ging ich durch die Reihen und sammelte mir die Handy-Nummern von drei weiteren Schülern ein.

Handynummern meiner Schüler, natürlich unkenntlich gemacht - versteht sich

Doch dann musste ich meinen Jungs mal was klar machen: Ich werde nie mit ihnen ausgehen oder mit ihnen einen trinken gehen, solange sie meine Schüler sind. Wenn ich privat bin, möchte ich keine Schüler um mich haben - ausgeschlossen. Außerdem frage ich mich, wie diese pubertierenden Neuntklässler auf die absolut weltfremde Idee kommen, dass eine - ausgesprochen gutaussehende, junge, charmante, witzige - Lehrerin sich privat mit ihnen treffen möchte. Wie bekloppt!

Montag, 15. November 2010

Projektwoche

Wie ein Unwetter, ein Tornado oder eine Jahrhundertflut ist sie über uns gekommen - die Projektwoche. Heute begann sie unter dem bedeutungsschwangeren Oberthema: "Zukunft". Wohlgemerkt nur für die siebten und achten Klassen, denn Klasse 9 und 10 sind im Praktikum. Irgendwie am Thema der Projektwoche vorbei war schon die Planung. Die Schüler sollten hier im Grunde schon eingebunden sein. Doch das Kollegium  hatte keine Wahl und schnitt sich am vergangenen Donnerstag förmlich noch mal eben schnell die Unterthemen aus den Rippen. Da fanden sich dann so klangvolle Inhalte wie "Deine Zukunft - Meine Zukunft - Unsere Zukunft" oder "Leben in der Zukunft". Zugegeben, das klingt schon fast ein wenig nach Satire, aber das ist tatsächlich ernst gemeint. Außerdem gibt es die Projektgruppe "Klima der Zukunft" und "Energieversorgung in der Zukunft". Aber die beste Idee läuft unter der Überschrift "Fußball in der Zeitmaschine". Und warum ist das das beste Thema? Weil es viele Facetten abdeckt und nicht nur vielen Schülern, sondern auch der betreuenden Lehrkraft ohne Ende Spaß macht. Und natürlich in erster Linie, weil es von mir war! Jaha, solche Ideen schieße ich Freitag Morgen noch vor der ersten Stunde mal eben aus der Hüfte.
Doch komme ich nun zu meiner Projektgruppe. Ich habe heut früh einen gaaanz groben Fehler gemacht, denn ich wollte von den Schüler wissen, warum sie denn diese Gruppe gewählt haben. Hoch und heilig schwöre ich, dass ich diese Frage nie wieder stellen werde, denn ich will nie wieder hören, dass alle guten Sachen schon voll waren und sie nicht zu Herrn Roth wollten. Tja, ich war also das kleinere Übel. Sehr motivierend! Doch ich wollte mir das natürlich unter keinen Umständen anmerken lassen. Also erklärte ich den Schülern, dass ich der festen Überzeugung sei, dass das alles ganz fantastisch wird und dass wir mit absoluter Sicherheit ein großartiges Ergebnis am Ende der Woche haben werden. Bloß gut, dass die Siebt- und Achtklässler noch keine Ironie verstehen. Sonst hätten sie verstanden, was ich mit diesen Worten tatsächlich sagen wollte.
Nachdem die Schüler unglaublich motiviert (Achtung Ironie!) ans Werk gegangen sind, musste ich sie förmlich dazu prügeln, sich über den Klimawandel und dem Klima der Zukunft Gedanken zu machen. So unter dem Motto: Wenn ihr euch jetzt nicht selbst mit dem Thema beschäftigt, muss ich euch zur Bearbeitung tausender Arbeitsblätter zwingen (notfalls eben doch mit schlechten Noten). Jetzt hab ich meine in Kleingruppen aufgeteilte Projektgruppe mit Unterthemen versorgt und soweit ans Arbeiten gebracht, dass ich in den nächsten Tagen, so hoffe ich, nicht mehr viel zu tun habe.

Freitag, 5. November 2010

Ich liebe sie

Am Morgen in der ersten Stunde räkelte sich Karl vermutlich noch so im Halbschlaf auf seinem Stuhl. Ich nahm dieses Benehmen lediglich aus den Augenwinkeln wahr und war im Grunde einfach nur froh, dass er die Klappe hielt. Aber mal ganz ehrlich, ich finde es wirklich ungerecht, dass die Schüler unbemerkt schlafen können und ich nicht. Doch plötzlich brüllte Marcel: "Ey, Karl, nimm die Hand aus deiner Hose." Blitzschnell sprang mein Blick zu Karl, der tatsächlich eine Hand in der Hose hatte und mich fast schon genussvoll angrinste. "Ich müsste mich mal wieder rasieren.", war Karls Kommentar. Diesem fügte er noch die Frage hinzu, ob ich ihm denn da gern mal behilflich sein möchte. Ich lächelte milde und lehnte dann doch ganz höflich,  aber mit aller Entschiedenheit ab.
Im Laufe der Stunde lief Karl dann noch zu Hochform, ich bin fast schon dankbar, dass er nicht zu Höchstform auflief, weil ich befürchte, dass das, was er bislang anbot, beiweiten noch nicht das berühmte Ende der Fahnenstange ist. Später zog er sich noch den Pulli über den Bauch und blickte mich herausfordernd an. Ich verdrehte nur kommentarlos die Augen, was soll ich als erwachsene Frau davon halten, wenn mir so ein pubertierender Fünfzehnjähriger seinen mageren Waschbrettbauch zeigt. Im Privaten hätte ich da sicherlich den einen oder anderen eindeutig zweideutigen Kommentar abgegeben. Doch ich muss ständig auf der Hut sein. Da sitzen 22 Zeugen und wenn ich mit einem Kommentar auch nur ein klein wenig über die Stränge schlagen würde, so muss ich doch befürchten, dass die Kinder wieder keine Ironie verstehen und sofort  - wem auch immer - erklären, dass Frau Dingens einem Schüler ein eindeutiges Angebot gemacht hätte.
Trotz dieser billigen Anmache, oder wie soll ich sonst das Auftreten von Karl interpretieren (?), entfuhr Anna am Ende dieser Stunde ein Kommentar, den ich im ersten Moment falsch verstehen musste, denn sie strahlte mich an und sprach: "Ich liebe sie!" Ich riss die Augen auf, denn - oh mein Gott - was wollte mir das Mädchen damit sagen. In dieser Sekunde realisierte auch Anna, was sie da gesagt hat. Mit heftiger Schnappatmung korrigierte sie sofort sich: "Nein, nein! Ich meine diese Stunde und nicht Sie. Ich fand die Stunde toll." Puh, da war ich aber froh... Ich bedankte mich bei Anna, denn so ein tolles Kompliment habe ich noch nie für meinen Unterricht bekommen. Leicht und beschwingt trat ich meinen Weg ins Lehrerzimmer an und bedauerte es zutiefst, dass das die erste Stunde war und somit der Tag nicht mehr zu toppen war.

Dienstag, 5. Oktober 2010

Einschleimen, oder was?

Nachdem ich ja nun endlich als Lehrer geoutet habe, kann ich ja nun mit dem Ablästern anfangen. Alles begann letzte Woche in meiner Lieblingsklasse der Neunten. Und es begann mit dem ultimativen Beweis dafür, dass ich mich vor pubertären Jugendlichen befinde, die den lieben langen Tag nur eines im Kopf haben und das hat so absolut gar nichts mit Schule zu tun. Die Beantwortung der Frage: "Na was?" erübrigt sich nachdem man sich nochmal vergegenwärtigt, dass es sich um pubertierende Jungs im Alter von etwa 15 oder 16 Jahren handelt, die mit einer Überdosis Testosteron ausgestattet, nicht wissen wohin damit. 
Es begann also damit, dass ich zwei Jungs zu überschwänglichen Gejohle veranlasste und zwar lediglich mit dem Wort "Alarmglocken". Nachdem das Wort "Alarmglocken" meine Lippen verließ, schauten sich die Beiden an und prusteten wie aus einem Mund: "Ey Alta, haste gehört... Glocken". Ohne Worte drehte ich mich um und verschwand in Richtung Tafel. Wobei es mir zugegeben einigermaßen schwer fiel, ob dieser Albernheit nicht eindeutig zweideutig zu grinsen und den Anfall der Jungs ein wenig abfällig zu kommentieren.

Tags darauf begrüßte mich Alexander mit den Worten "Na, Schätzchen!" im Klassenraum. Das nahm ich reaktionslos zur Kenntnis und fragte mich allerdings schon ernsthaft, was mir Alexander damit sagen wollte. Die Stunde nahm seinen Lauf bis mich Karl zu sich bat, um eine Frage zu klären. Plötzlich drehte er sich zu mir um, strahlte mich an und hauchte mir bedeutungsvoll zu, dass ich heute besonders gut riechen würde. Ich musste laut lachen: "Ach komm, Karl, lass gut sein!" Darauf grinste Karl nur und fragte, ob er mich denn wuschig machen würde. Jetzt konnte ich mich vor Lachen kaum noch halten.
Doch obwohl ich der Meinung war, dass sich diese Szene nicht mehr toppen lässt, muss ich eingestehen, dass es meine neunte Klasse heute doch geschafft hat. Nachdem ich schon ein Mal das undefinierbare und mit Sicherheit völlig fehlgeleitete Gefühl hatte (hoffentlich, bitte, bitte, bitte!), dass mir zwei von den Neuntklässlern auf den Hintern geschaut und gepfiffen haben, schoss Dennis dann heute den Vogel ab.
Wann kniet ein Schüler vor einer Lehrerin? Im Grunde kniet ein Schüler nie vor einer Lehrerin. (Darüber muss ich nochmal nachdenken, warum eigentlich nicht...) Aber die eine oder andere Erklärung könnte es geben. Wenn er auf Knien für all seine Missetaten um Verzeihung winselt! (Auch wenn dann nahezu alle Schüler täglich mehrere Stunden kniend auf dem Boden verbringen würden. Warum eigentlich nicht! Ich glaub, das werd ich ab morgen einführen.) Wenn er darum bettelt keine "Sechs" zu erhalten! (Würde zwar nichts bringen, aber ein schönes Bild!) Oder vielleicht wenn er schwört sich zu bessern und nie, nie, nie, nie wieder den Unterricht zu stören? Nein, Dennis kniete heut vor mir nieder, um mir meine am Stundenbeginn ausgeteilten Kopien zurückzugeben. Diese Szene war schon merkwürdig genug, doch Dennis musste dem Ganzen noch eins draufsetzen, indem er seinen Kniefall folgendermaßen kommentierte: "Nur wegen Ihnen habe ich mir jetzt die Hose dreckig gemacht!" Ich setzte eine äußerst betroffene Mine auf und fragte mit eindeutig ironischem Unterton, ob ich seine Hose mit nach Hause nehmen solle, um sie zu waschen. Doch wer hofft dieser Schlagabtausch sei hier zu Ende, der irrt, aber gewaltig. Dennis greift sich an seinen Hosenbund und ich höre schon das Metall seiner Gürtelschnalle klappern. An dieser Stelle muss ich gestehen, dass Dennis hier die Schlacht gewonnen hatte (aber natürlich noch nicht den ganzen Krieg). Denn ich drehte mich zur Tafel, hielt mir Hände vor Augen und lachte herzlich. Als ich mich wieder umdrehte, hatte sich Dennis mit geschlossener Hose wieder hingesetzt und die Stunde war beendet.

Oder hätte ich ihn mit starkem Blick taxieren sollen und es darauf ankommen lassen, dass er in der Unterhose nach Hause fährt? Eine lustige Vorstellung...

Donnerstag, 30. September 2010

Outing



Ja, ich denke, es ist an der Zeit sich zu outen. Ich bin Lehrerin. Meine Schüler verwenden diese Berufsbezeichnung schon manchmal fast wie ein Schimpfwort: "Naja, Sie sind ja Lehrer...! Das müssen Sie ja jetzt auch so sagen." Ich bin mir nur nicht sicher, was die "lieben Kleinen" mir damit sagen wollen. Vermutlich, dass ich meine gesamte Freizeit mit Korrekturen und Vorbereitungen verbringe, keinen Alkohol trinke und  auch keine Freunde und vor allem auch keine Freude am Leben habe. Außerdem auch nie über versaute Witze lachen. Denn ich bin ja nur Lehrer. Komisch, dass ich mich aber gar nicht so fühle, wie ich meine eigenen Lehrer früher gesehen habe. Ich dachte da nämlich auch, die leben den ganzen Tag für die Schule und als Lehrer hat man eigentlich auch, wenn man nicht schon direkt in der Schule wohnte, zumindest im direkten Umfeld zu wohnen. Bei mir war das früher (so etwa vor etwa hundert zwanzig Jahren, im letzten Jahrhundert) auch so. Wenn ich mich daran erinnere wohnten tatsächlich alle Lehrer im gleichen Ort, nur wenige Meter von der Schule entfernt. Und natürlich hatten Lehrer auch kein Privatleben...

puh, jetzt ist es endlich raus. Ich fühle mich auch gleich viel besser, jetzt wo es endlich raus ist. Es stimmt also offensichtlich doch, dass man sich besser fühlt, wenn man mal drüber geredet hat.  Im nächsten Post sollte ich das vielleicht auch noch weiter ausdiskutieren... An dieser Stelle kann ich ja auch mal verraten, dass Frl. Krises Blog mein momentanes Lieblings-Blog ist und jeder wird nun verstehen warum...