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Montag, 12. November 2018

Eine Jacke und Stifte

Lisa ist sonst immer zuverlässig und pünktlich zum Stundenbeginn an ihrem Platz. Das war sie heute auch. Doch noch bevor ich die Zehntklässer begrüßen konnte, riss sie die Augen auf. Ihr linker Arm schnellte nach oben. Noch ehe ich ihren Namen sagen konnte und fragen konnte, was sie wolle, rief sie mir zu: "Frau Dingens, entschuldigen Sie bitte, aber ich muss noch meine Jacke holen." 

Höflich war sie ja. 

Ich war irritiert. Stirnrunzelnd gab ich zu verstehen, dass ich nicht verstand, wozu sie im Unterricht ihre Jacke brauchte. Lisa verstand mich mittlerweile ohne Worte. So erklärte sie mir, dass ihre Stifte in ihrer Jacke seien und diese brauche sie schließlich im Unterricht. Richtig. Ich nickte langsam, ganz langsam. "O-k-a-y", stotterte ich. Lisa verschwand.
Ich atmete tief durch. "Früher" begann ich und das obwohl ich diesen Satzanfang im Grunde furchtbar finde. Aber ich koketiere hin und wieder gern damit, da ich auf diese Weise eine ganz eigene Aufmerksamkeit bekomme. Schüler mögen persönliche Anekdoten. Außerdem funktioniert dieses "früher" auch als "fishing for compliments", weil Frau Dingens ja noch gar nicht so alt ist. 
Also ich erhob meine Stimme: "Früher, als ich noch zur Schule ging," und fügte mit einem Augenzwinkern hinzu "so etwa vor hundert Jahren. Da hatte ich eine Schultasche, in welcher unter anderem eine Federmappe war und in dieser Federmappe waren Stifte." Mittlerweile war Lisa wieder da und grinste. "Ich hab halt meine Stifte in der Jacke..."

Freitag, 3. August 2018

Altenburg

Wer eine Reise macht, der kann was erzählen. Dieses alte Sprichwort bewahrheitete sich heute bei mir mal wieder. Ich bin mit der Deutschen Bahn unterwegs. Beim Gleiswechsel durch eine Unterführung fällt mir ein braungebranntes Pärchen auf. Beide berucksackt. Er bewegt sich schnellen Schrittes, sein Oberkörper nach vorn gebeugt. Vielleicht ist er mit dieser Körperhaltung schneller oder sein Rucksack ist so schwer. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall habe ich den Eindruck, dass sie nicht genau weiß, wo sie hin müssen. Sie schaut sich unsicher um.

Dienstag, 23. Januar 2018

Ein Stift zum Stundenende

Der Unterricht in der Neunten neigt sich dem Ende zu. Es sind nur noch zwölf Minuten bis zur Pause, vielleicht waren es auch nur noch zehn. Ich bin mir nicht ganz sicher.
Ein junger Mann meldet sich, ach was sag ich, er winkt. Er ist sehr, sehr aufgeregt. Seine blauen Augen hat er weit aufgrissen. Sein Verhalten, das dem eines aufgescheuchten Huhnes gleicht, lässt mich darauf schließen, dass das, was er sagen möchte, wirklich mal so richtig wichtig ist.
Ich möchte ihn ja gerne aufrufen, aber ich bin nicht schnell genug. Nun, ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste. Um seiner Meldung weiteren Nachdruck zu verleihen, ruft er zusätzlich meinen Namen: „Frau Dingens, Frau Dingens!!!“ (Und wenn ich drei Ausrufezeichen schreibe, dann meine ich das so.)
Ich frage ihn, was denn so kurz vor Unterrichtsschluss so wichtig sei. Er fragte in seinem zuckersüßeten Säuselton, ob er auf Toilette dürfe. "Es sind doch nur noch ein paar Minuten bis zur Pause", entgegnete ich ruhig. "Aber, aber... Frau Dingens, der Stift malt schon..."

Donnerstag, 18. September 2014

Ein Rülpser

Herr Schiller unterrichtet Deutsch und es herrscht geschäftige Ruhe. Alle Schüler sind leise und arbeiten konzentriert. Plötzlich zerreißt ein dicker, fetter Rülpser die Stille. Alle schrecken hoch, schauen sich erst mit aufgerissenen Augen um, um zu sehen, wer das war und dann zu Herrn Schiller. Herr Schiller kneift die Augen leicht zusammen. Das macht Herr Schiller sehr selten, denn er ist ein sehr ruhiger und bedachter Kollege. Doch nun schaut er erbost dem Übeltäter ins Gesicht und fragt den jungen Mann, was man denn in solch einer Situation sagt.
Jan, so ein Kleiner, Putziger aus den neuen Siebten, schaut schuldbewusst mit großen Kulleraugen, eben gerade so als wüsste er durchaus, dass sein Verhalten im Unterricht nicht unbedingt den Erwartungen entsprach und antwortet: "Danke!"

Herr Schiller ist perplex, aber nur kurz und keiner hat es gemerkt. Mit freundlichem und vor allem pädagogisch wertvollen Ton erklärt er Jan: "Das heißt "Entschuldigung"."

Na, dann hätten wir das auch geklärt.

Montag, 1. September 2014

Die Babos - zumindest gefühlt

Vergangenen Freitag verließ ich erst recht spät das Schulgebäude, obwohl ich es gerade Freitag gern besonders eilig hatte. Aber manchmal hat man einfach keine andere Wahl oder der Bus fährt eben einfach nicht früher. Aber ich war ja nicht allein, denn einige Schüler cruisten mit ihren Rädern und drehten vor der Schule ihre Runde. Sie begrüßten mich fröhlich, wollten wissen wie es mir geht und was ich so vorhabe. Wir plauderten. Das hat richtig Spaß gemacht.

Ich sprach mit einen frischgebackenen Neuntklässler: "Krass, Rico, du bist jetzt also schon neunte Klasse." Er nickte wissend, lässig. In seiner Geste schwang die Coolness der Überlegenheit, in dem Wissen, dass er jetzt zu den Großen gehört. Dann fragte ich noch: "Und wie fühlt es sich an?" Rico zuckte mit den Schultern und entgegnete nur knapp: "Och, auch nicht anders." Dann hielt er kurz inne, ein fettes und leicht überhebliches Grinsen machte sich in seinem Gesicht breit. "Doch, schon! Als diese Woche die Zehnten auf Klassenfahrt waren, da hat man sich schon wie die Babos gefühlt."

Freitag, 20. Juni 2014

Ich liebe Sie (zum Zweiten) oder Milf

Heute hatte ich mal wieder so ganz normalen Unterricht, also eigentlich wie immer. Ich stehe oder sitze wahlweise ganz vorn und stelle Fragen. Manchmal referiere ich auch so vor mich hin, obwohl ich mich wirklich bemühe es zu vermeiden. Da fällt mir auf, dies wäre kein guter Satz in einem Arbeitszeugnis: "Sie hat sich bemüht."
Ich hab noch gar nicht richtig angefangen und schon schweife ich ab. Also ich erkläre gerade etwas Wichtiges, obwohl im Grunde eigentlich alles wichtig ist, was ich erkläre, aber dies war eben besonders wichtig. Da sehe ich aus den Augenwinkeln Dan und Konrad plaudern. Nachdem ich meine Ausführungen beendet habe, wende ich mich zu Dan und bitte ihn nochmals zu wiederholen, was ich eben erklärt habe. Ich erwarte, dass er stockt, stammelt oder sich vielleicht sogar dafür entschuldigt, dass er nicht zugehört hat und nicht weiß, wovon ich gerade gesprochen habe. Aber mittlerweile hab ich gelernt, dass dies ausgesprochen selten vorkommt. Und sollte es tatsächlich mal vorkommen, dann muss ich leider davon ausgehen, dass der Schüler es nicht erst meint. Aber heut hat mich mal wieder ein Schüler fast sprachlos gemacht. Denn Dan schaut mich direkt an, seine blauen Augen leuchten als könne ihn kein Wässerchen trüben: "Frau Dingens, ich liebe Sie." Ich bin total perplex und vermutlich steht mir der Mund vor lauter Staunen ein wenig offen. Nur ganz kurz muss ich nach Worten ringen, denn es ist ja nicht das erste Mal, dass diese Worte an mein Ohr dringen. So antworte ich kurz und trocken: "Dan, ich hoffe, das war eine Wette und du bekommst Geld dafür." - "Nein." Ebenso kurz und trocken war Dans Antwort.

Samstag, 7. Juni 2014

Tataa! Das Comeback

Ich melde mich zurück in den viruellen Dschungel, um mich wieder in schöner Regelmäßigkeit schriftlich auszukotzen, vielleicht auch um euch auch ab und zu zum Lachen zu bringen und eben einfach wieder in die Tasten zu hauen. Manchmal braucht es eben auch eine Pause bis einen die Muse wieder küsst und die Wörter wieder aufs Papier oder naja eher auf den Bildschirm fließen. Nun fliegen meine Finger über die Tasten und es ist echt ein gutes Gefühl. Es ist das Gefühl wieder etwas zu sagen zu haben. Und ich glaube, ich hab euch, alle meine Leser irgendwie vermisst. Auch wenn ich die wenigsten persönlich kenne und sich die Rückmeldungen und Kommentare in Grenzen halten.

Die Rückkehr wurde mir allerdings von Gugl ein wenig erschwert, denn als ich mich anmelden wollte, unterstellte man mir, dass ich unbedingt bei Gugl plus anmelden sollte. Ich klickte mich also recht widerwillig durch. Überall nahm ich die voreingestellten Häkchen raus, in der Hoffnung am Ziel wieder auf meinen Blog zugreifen zu können. Nun bat mich Gugl plus meine Freunde hinzu zufügen, was ich wiederum verweigerte. Aber dann passierte das Unglaubliche. Ich bin durchaus ein wenig verärgert, dass ich von dieser Meldung keinen screenshot gemacht habe, denn Gugl plus meldete "Du bist ziemlich einsam." - Ich schrie in den Bildschirm meines Rechners "NEIN!!! Bin ich nicht." (Zum Glück sitz ich hier grad allein.)

Frechheit! Bodenlose! Wie kann sich so ein Konzern solche Kommentare anmaßen. Wenn draußen nicht die schönste Sonne scheinen würde, hätte ich jetzt wohl die mieseste Laune des Jahrzehnts. Ich und einsam... Danke Gugl!

Aber jetzt bin ich ja wieder hier. Alles wird gut!

Mittwoch, 15. Januar 2014

Ein Hund

Es fliegt ja immer mal wieder zerknülltes Papier in der Gegend herum. Dieses gute Fundstück habe ich einem Schüler abgenommen. Seiner Banknachbarin war es etwas peinlich. Ich konnte es an ihrem Gesicht ablesen, aber Josh erklärte mir mit seinem strahlendsten Lächeln, dass das auf dem Blatt lediglich ein Hund sei. Ich schaute mir das Bild genauer an, lächelte und nickte: "Genau, Josh! Das ist ein Hund mit großen Kulleraugen, die dich anschauen und Schlappohren." Von der Seite bestellte Martin auch noch ein Bild. Er wolle auch gern so einen Hund, nur die Augen müssten ein bisschen größer sein." Vani, die Banknachbarin von Josh, schnappte nach Luft und riss die Augen auf: "Aber, aber Frau Dingens! Das ist kein Hund." Ich zwinkerte Josh an, blickte nochmal auf die Zeichnung und erklärte nochmals ruhig: "Natürlich ist das ein Hund!"

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Vertretungsplan

Morgen ist der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien und das haben wir uns alle auch wirklich verdient. Wer nun denkt, so kurz vor Weihnachten läuft das alles ein wenig entspannter ab, der irrt, denn bei zwei kranken Kollegen kommen ruhige und besinnliche Momente doch recht kurz. Aber schon recht, wir sind ja auf Arbeit und nicht zur Kur.

Bauernäbbing mit der Neun A


Der Kollege Drechsler, der den Plan schreibt, meint natürlich nicht Pauernapping, sondern Bauernäbbing, so auf gut Sächsisch... 

Was das sein soll? Das wollten heut auch schon so einige meiner lieben Kleinen wissen. Tilly meinte, dass das wohl etwas mit Schlafen zu tun hat, so hätte dies die Referendarin, die momentan bei uns unterwegs ist, erklärt. Tim trat zu uns und entgegnete mit seinem typisch frechen Grinsen im Gesicht, dass wir dann also morgen bei Frau Dinges schlafen werden. Tilly, der immer alles besser weiß, konterte mit sicherer Geste und fester Stimme als hätte er nicht nur die Grammatik einfach mal grundsätzlich im Blut, sondern selbst geschrieben: "MIT Frau Dingens! MIT!" In meinem Kopf fügte sich langsam der Satz und die Bedeutung zusammen. Also mit Frau Dingens schlafen...
Plötzlich brach die sonst so zurückhaltende Sandra mit mir in schallendes Gelächter aus. Sandra schüttelte ihren Lockenkopf heftig, so dass ihre schwarzen Locken wie wild hüpften. "Jetzt hat Frau Dingens bestimmt ganz böses Kopfkino!" Oh ja, dass hatte Frau Dingens, die es an dieser Stelle auch vorzog schnell das Weite zu suchen.

Freitag, 14. September 2012

Hinten anstellen

Gestern schlich ich vor dem Verlassen der Schule an der Küche vorbei, denn hier werkelte Frau Neumann mit ihrer Koch-AG und der Duft auf dem Flur war einfach zu verführerisch. Ich steckte meinen Kopf durch die Tür und wollte eigentlich nur fragen, was die Lieben hier gerade zaubern.
Plötzlich rief es aus verschiedenen Richtung: "Hallo, Frau Dingens!" Sofort stand Jonas vor mir und strahlte mich mit seinen blauen Äuglein an: "Frau Dingens, Frau Dingens und wie haben Sie sich entschieden?" Dabei schien er ein klein wenig vor lauter Aufregung zu hüpfen. Das ist genau der Jonas, der mir vor einiger Zeit feierlich erklärte, dass er mich heiraten wolle. Ich lächelte mild, schüttelte den Kopf und antwortete, dass er doch erst mal seinen Abschluss machen solle, dann könne man ja vielleicht nochmal reden. Jonas legte den Kopf schief und strahlte mich weiter an. Henni trat von der Seite heran, strahlte mich ebenfalls an und wollte dann wissen: "Was soll Frau Dingens entscheiden?" Jonas drehte sich zu Henni, baute sich auf. Dann erklärte Jonas mit Stolz geschwellter Brust: "Ich hab Frau Dingens einen Heiratsantrag gemacht." Da lachte Henni verächtlich auf den Kleinen herab und winkte ab. "Pah, Kleener, da musst du dich schon erstmal hinten anstellen!"
Noch im Weggehen hörte ich die Beiden feilschen, wer denn die besseren Karten hätte. "Da bring ich Rosen mit!" - "Mein Strauß wird mindestens doppelt so groß sein!" 

Achja, es gab übrigens Kartoffelauflauf.

Tja und dann ging Hennis heute vor mir auf die Knie, um mir ein Stück Kreide zu reichen, was mir runterfiel und später schob er mir dann noch seine Nummer zu. Mh, irgendwie kommt mir das bekannt vor. Stimmt es dann vielleicht doch, dass sich Geschichte wiederholt...

Montag, 28. Mai 2012

Versuch einer höflichen Kommunikation mit dem Lehrer außerhalb der Schule

Da freut man sich mal wieder über ein verlängertes Wochenende und darüber die lieben Kleinen, also ich meine die Schüler nicht zu sehen. Frohen Mutes begebe ich mich zu einen Ausflug auf den Bahnhof. Da rollen Julian und Jan mit ihren Rädern an mir vorbei. Das kann mir doch die Laune nicht verderben. Ich lächle freundlich, beide Jungs grüßen freundlich und ich sag, wie immer, einfach "moin".
Dann steh ich auf dem Bahnsteig und die Jungs plötzlich neben mir. Ich denke noch so bei mir: "Oh, bitte, ich will jetzt nicht mit den Beiden reden. Nein, ich hab da sowas von überhaupt gar keinen Bock drauf. Bitte, bitte, bitte haltet doch einfach mal nur die Klappe." Natürlich war mir klar, dass das allerdings völlig ihrer Natur widersprechen würde, denn in der Schule halten die nämlich auch nie die Klappe. Aber ein Versuch war's doch zumindest wert. 
So kam es wie es kommen musste. Jan strahlte mich an. Da fiel mir noch so auf, dass der Junge wirklich schöne, klare blaue Augen hatte. Dann fragte er mich: "Na, Frau Dingens, wo fahren Sie denn hin?" - "Was geht dich das denn an?" Meine Reaktion war schon ziemlich schnippisch, schließlich wollte ich die Beiden von der Backe. Aber es überraschte mich gar nicht, dass sich Jan davon nicht beeindrucken ließ. So konterte er: "Da will man einfach nur mal höflich sein und mit einem Lehrer außerhalb der Schule Kommunikation betreiben und dann ist das auch schon wieder falsch." Mh, da hatte er wohl recht. So antwortete ich kurz und gab mein Reiseziel bekannt. Dann erzählte er mir alles, was ich im Grunde zwar nicht wissen wollte, aber durchaus unterhaltsam und dazu äußerst kurzweilig fand. Jan erzählte von der gestrigen Party. Julian lachte und erklärte, dass er ja eigentlich gar keinen Wodka trinken wollte und plötzlich war die Flasche einfach leer. Ich dachte noch so bei mir: "Kenn ich, hab ich auch schon mal von gehört." Aber jetzt seien Beide ganz fleißig und trügen Zeitungen aus. Danach würden sie aber direkt wieder für die Schule lernen. Ich lachte und entgegnete, dass die Beiden noch nie für meinen Unterricht gelernt hätten. Jan schaute mich ernst mit seinen glasklaren blauen Augen an und erklärte mir, dass ich doch ein Fach unterrichten würde, bei dem man gar nicht so viel lernen müsse, sondern einfach nur gut mitarbeiten müsse. Verflixt, der Junge hatte sogar recht. Mist! So grinste er mich verschmitzt von der Seite an: "Stimmt's Frau Dingens, Sie denken grad, der is ja gar net so blöd." - "Das weiß ich doch! Aber ich kenn auch dein Motto. Ein Mal doof stellen, reicht manchmal für'n ganzen Tag." Jan musste gestehen, dass ich recht hatte.

Nebenbei schrieb Julian noch eine Nachricht. Er erklärte mir, dass er unbedingt noch schnell Nessi mitteilen musste, dass er gerade Frau Dingens auf dem Bahnhof getroffen hätte. Ja, genau! Das muss man auch noch ganz schnell bei Facebook posten. Als der Zug dann einfuhr, war ich fast schon ein bisschen traurig, denn es war mit den beiden Jungs dann doch noch lustiger als erwartet. Verabschiedet wurde ich dann noch mit den Worten: "Können Sie bitte mal schauen, wo der böse Onkel mit der Mütze ist? Aber nicht, dass Sie denken, dass wir schwarz fahren. Das würden wir nämlich niemals tun."

Mittwoch, 23. Mai 2012

Busgeschichten

Heut war mal wieder Busfahrtag. Ich begebe mich nun mal wieder gemächlichen Schrittes zur Bushaltestelle. Alles wie gehabt. Nur an diesem Morgen traute ich meine Augen kaum. Einige hundert Meter entfernt stand ein Junge und ich wunderte mich, weil mich das merkwürdige Gefühl beschlich, dass ich den Jungen kennen sollte. Natürlich müssen etliche meiner Schüler auch zu dieser Haltestelle. Doch warum sollte da plötzlich einer meiner Schützlinge an der Straße auf mich warten. Doch nicht etwa um ein paar Meter mit mir zur Haltestelle zu laufen?
Ich runzelte die Stirn und glaubte meinen Augen kaum. Das muss doch der kleine Schuster sein, der mich mit seinem rotzigen Verhalten im Unterricht schrecklich nervt. Der immer, wenn ich ihn ermahne, seine blauen Kulleräugchen aufreißt und den Unschuldsengel gibt. Das hat der Kleine echt gut drauf, denn er ist verflixt knuffig. Anfangs funktionierte die Masche bei ihm noch echt gut, aber das wächst sich ja glücklicherweise mit Zeit ziemlich schnell raus.
Wie mir noch so diese Gedanken durch den Kopf kreisen und ich dem Jungen immer näher komme, wird das Bild deutlicher. Nein, es ist tatsächlich der kleine Schuster, der mich frech angrinst. Er tippt auf seine Uhr und brüllt quer über die Straße "Für die paar Meter mehr als drei Minuten. Sie sind ja wirklich langsam." Verdutzt überquere ich die Straße und trau mich nicht einmal zu fragen, wie er denn auf die Idee gekommen sei auf mich zu warten. Im Grunde denke ich nur mal wieder bei mit "Ne, wie süß! Isser nich knuffig!" Wir gehen die wenigen Meter gemeinsam zur Bushaltestelle und unterhalten uns übers viel zu frühe Aufstehen.
Kurz nachdem wir die Bushaltestelle erreicht haben, verdrückt er sich ohne einen Blick zu seinen Klassenkameraden und ich wundere mich immer noch. Da hat doch der kleine Schuster tatsächlich auf mich gewartet. Isser nicht knuffig!

Nach Unterrichtsschluss steige ich wieder in den Bus. Neben mir ist noch ein Platz frei. Normalerweise machen die Lieben da keinen Terz mehr und setzen sich einfach neben mich. Doch da kommt Marek, grinst mich frech von der Seite an und brüllt durch den ganzen Bus: "Ey, Dingelchen, kann ich hier mal hin?" - Ich stutze. Da muss ich mich wohl verhört haben. Jetzt muss ich wohl doch nochmal die böse, strenge Lehrerin raushängen lassen. Mit einem harten Blick fahre ich ihn scharf an. "Vergiss es! Und schon erst recht nicht in diesem Ton!" Leicht verschämt und mit entschuldigender Geste fragt er nun: "Ja, schon gut, entschuldigen Sie, Frau Dingens, darf ich mich hier hinsetzen?" Ich nehme meine Tasche vom Sitz, nicke nur huldvoll und er setzt sich.
Doch plötzlich dröhnt die tiefe Stimme von einem unseren zahlreichen Mäxe aus der Zehnten durch den Bus. "Ey, Daniel, schau mal, hier drüben! Der Kleine hier aus der Siebten macht sich an deine Freundin ran!" Ich grinse mir einen ab, packe mir meine Kopfhörer mit schön laut Musik auf die Ohren und denke mir meinen Teil. Man muss auch nicht immer alles kommentieren!

Freitag, 20. April 2012

Kann ich mal Fenster?

Solche oder so ähnliche Fragen bekomme nicht nur ich ständig von meinen Schülern zu hören, sondern auch meine Kollegen freuen sich immer außerordentlich über das ausgesprochen geschniegelte Deutsch der uns anvertrauten Schäfchen. Bei genanntem Beispiel handelte es sich um die gesprochene Sprache von der geschriebenen möchte ich jetzt ungern erzählen, denn das wird dann richtig peinlich. Mutmaßlich scheinen etwa geschätzte 105% unserer Schüler unter LRS, Adhs, Dyskalkulie, C&A oder LMA zu leiden. Das ist doch wohl hoffentlich nicht ansteckend. 
Bei dem Gedanken, dass die Zehntklässer nächste Woche Prüfungen SCHREIBEN müssen, kann einem schon ein wenig mulmig werden. So verwundert es nicht, dass Markus den für Deutsch zuständigen Herrn Schiller befragte, ob man denn die Prüfung nicht um einen Monat verschieben könne. Herr Schiller, leicht amüsiert, antwortete nur trocken: "Und was glaubst du bringt dir das?" Bitter! Die lange Leitung auf der Markus gerade stand, war an seiner Mimik abzulesen, aber er verstand die Botschaft, wenn auch erst etwas später.

Ach und dann hatte Dirk noch eine super Idee, was man mit Schülern machen könnte, die permanent stören. "Wer laut ist, den stellen wir an die Tafel und bewerfen ihn solange mit Exkrementen bis er ruhig ist." Schöner Vorschlag, nicht wahr!? Vermutlich sehr effektiv, wenn auch ein klein wenig eklig.

Sonntag, 1. April 2012

Wie man eine Sex-Plage in Griff kriegt

Jedes Mädel kennt sicherlich diese Art von Kerl ganz genau, diese notgeilen und sabbernden Schleimer, die sich in der Disko beim Tanzen an dir reiben, die du einfach nicht von der Pelle kriegst. Sie sehen all diese sexy gestylten  Schnitten und meinen, nur weil wir an diesem Abend etwas mehr von unseren heißen Kurven zeigen, können sie uns einfach ungestraft antatschen.
Die Sängerin Elsie geht da aber mal so richtig auf Angriff und zeigt uns Mädels wie wir so eine Sex-Plage in Griff kriegen könnten, wenn wir nur so dürften, wie wir wollten.

Im folgenden Clip gibt es mehrere Möglichkeiten zur Auswahl. Das Ganze ist echt witzig und der Titel ist dazu auch noch ganz gut, der übrigens "Time to go" heißt.

Freitag, 9. März 2012

The Show goes on

Nachdem gestern neben Schweiß auch jede Menge Tränen flossen, sollte der Abschluss der Projektwoche mit einem Auftritt vor der ganzen Schule gekrönt werden. Adam, unser Choreograph, kam natürlich wieder eine halbe Stunde zu spät. Das machte uns heut aber gar nichts, denn der Rest meiner Tänzer war nicht nur unglaublich entspannt, sondern tatsächlich auch motiviert bis in die Haarspitzen. 

"Können wir endlich in die Aula zum Proben?"
"Kann ich das so tragen?"
"Frau Dingens, kann ich meine Haare eigentlich auch zu einem Zopf binden?"
"Ist das kurze Top nicht vielleicht doch etwas zu nuttig?"
"Kann ich schnell nochmal aufs Clo? Ich bin so aufgeregt."
"Sieht man eigentlich die Flecken, die ich hier an Arm habe? Die krieg ich immer, wenn ich nervös bin."

Ich winkte ab. Später! Später! Wir sollten noch ein paar Runden üben. Außerdem hatte ich doch gestern noch die Musik geschnitten. Ich behauptete, dass ich wissen wollte, ob sie so auch zur Choreo passt, dabei wollte ich aber in Wirklichkeit bei der Jugend von heute angeben, dass ich so was auch kann. Plötzlich wirbelte auch noch Karlchen herein und wollte unbedingt ein neues Foto von der Tanzgruppe machen, weil er doch einen hauseigenen Bericht über ein Projekt schreiben sollte. "Könnten Sie sich mal mit Ihrer Gruppe hinstellen?" - "Natürlich, Karlchen, wie hättest du es denn gern?" flötete ich. "Französisch!" lautete die knappe Antwort des Siebtklässlers und Karlchen verzog dabei keine Miene. Nachdem ich meinen Lachanfall wieder unter Kontrolle hatte, war das Foto auch ganz schnell im Kasten und wir konnten weiter proben.
Zwischendurch hatten die Mädels und Jungs viel Spaß dabei sich gegenseitig anzufassen, zu knuddeln, zu knutschen und sich auch mal aufeinander zu legen. Lieschen kicherte schon "Frau Dingens, hihi, ich werd sexuell belästigt... kicher." Bei Thomas sah das dann so aus. Die Mädels hatten Spaß und waren bei solch knackigen Aussichten natürlich begeistert.

Knackpo!
 
Die Zeiger der Uhr rasten. Der Auftritt stand kurz bevor. Nach der langen Mittagspause sollte es losgehen. Ich gönnte mir auch meine wohlverdiente Pause bis plötzlich ein verschwitzter Thomas vorm Lehrerzimmer stand und schnaufte "Ich brauch unbedingt Frau Dingens. Ist die hier?" Das musste wirklich was ganz wichtiges sein. So stand ich auf und fragte, was denn los sei. "Ja, wir haben gerade - schnauf, lufthol - die Generalprobe gemacht." Da dachte ich noch so bei mir, ob ich denn keine Generalprobe bräuchte, schließlich soll ich doch auch mittanzen. Auf dem Weg in die Aula erklärte mir Thomas, dass Adam noch ein paar Details an der Choreo geändert hätte. Ich war so was von endlos begeistert. Keine Generalprobe und zu allem Überfluss auch noch Änderungen! Ich würde mich schön zum Deppen machen, wenn ich die falschen Schritte tanze. An der Aula angekommen, drängten sich schon die Schüler vor der Tür. An eine zweite Generalprobe war nicht zu denken.

Doch entgegen meiner Befürchtungen lief alles glatt und zwar ohne Hals- und Beinbruch. Und das obwohl einige halsbrecherische Manöver in der Choreographie eingebaut waren. In dieser Projektwoche hab ich wieder viel gelernt und nicht nur Hip Hop tanzen.

Mittwoch, 7. März 2012

Projekt "Tanzen" oder die Gruppentherapie

Es ist anstrengend. Ich habe Muskelkater an Stellen, wo ich gar nicht wusste, dass man da Muskeln hat. Es ist mir immer noch schleierhaft, was mich dazu bewogen hat zur  Projektwoche ein Tanzen anzubieten. Gut, ich tanze gern. Aber das allein ist doch nun wirklich kein ausreichend guter Grund. 
Gestern war ich noch voll des Lobes und voller Begeisterung, weil meine sonst so unmotivierten und häufig äußerst lustlosen Mädels und Jungs mit einem strahlendem Lächeln und mit Worten auf den Lippen, die Schule verließen, die ich vorher noch nie zu hören bekam. Ich freu mich auf morgen! Mal ganz ehrlich, ich stutzte, denn ich traute meinen Ohren kaum. Hatten die Mädels wirklich verkündet, dass sie sich darauf freuen, dass sie wieder in die Schule kommen. Voll krass! Ich glaub, ich hab da vermutlich irgendwie was richtig gemacht, denn meine vergangenen Projektwochen waren einzige Katastrophen.
Was gestern so hoffnungsvoll begann und sich heut morgen noch in engagierter Arbeit niederschlug, wandelte sich gegen Mittag sich in eine Gruppengesprächstherapie mit Tränen, Anschreien und endete dann in einem Totalausraster meines Lieschens. Sie fand es nämlich total kacke, dass sich Adam hier den Arsch für uns aufreißt und statt Dankbarkeit für seine Mühe zu bekommen, letztendlich nur gedisst wird. Sonja stieg auf die Diskussion ein und nach Tränen in den Augen und Totalverweigerung aus. Sie stieg aus der Choreographie aus, weil Adam einfach mal ein arroganter Vogel sei, der von Hip Hop mal sowieso keine Ahnung hat.
Nach diesem emotionalen Super-Gau hatte ich meine beste Tänzerin verloren. Ich hoffte, dass sie wiederkommt. Doch auch der langweilige Arbeitsauftrag "Erstelle eine PowerPoint Präsentation" zum Thema Hip Hop brachte mir Sonja nicht zurück. Und Karl schloss sich Sonja an, zuckte die Schultern: "Ick mach auch die Präsentation. Das ist mir hier alles zu affig."
Aber... The show must go on!

Mittwoch, 29. Februar 2012

Darf man Schüler dissen?

Nachdem ich gestern einen Tag krankheitsbedingt ausfiel, wurde ich heut mit besonders lieben Worten meiner Schüler begrüßt: "Och, Frau Dingens, Sie sind ja wieder da. Sie hätten ruhig länger krank sein können. So mindestens bis morgen..." Ich liebe diese Sätze, die so völlig unvermittelt und ohne jede Einleitung beginnen, von einem "Guten Morgen" ganz zu schweigen. Aber ähnlich heiter ging dieser Tag auch weiter.

Bei der Mittagsaufsicht kümmerte ich mich mal wieder darum, dass die lieben Kleinen auch brav ihren Tisch abwischen. Das verläuft meist völlig problemlos. Doch heute hatte ich es mit einem mittelschweren Fall zu tun. Einen schweren Fall von Tischwischverweigerung hatte ich hier schon mal beschrieben. Heute weigerte sich Reiner  geradezu boshaft meiner Aufforderung den Tisch abzuwischen. Gute Gründe hatte er natürlich allemal. Das tangierte mich aber eher peripher, da er eben einfach dran war. Ich hasse diese Momente, denn in Ermangelung eines Druckmittels wie schlechte Noten oder die Androhung von Schlägen musste ich mir etwas anderes einfallen lassen und zwar schnell, denn Reiner zog mit einem fiesen Grinsen im Gesicht ab. Also hieß das Motto: "Blamieren oder kassieren!" Und ich entschied mich für blamieren und zwar Reiner auf dem versammelten Schulhof blamieren. Ich brüllte quer über den Schulhof, der zur großen Mittagspause natürlich gut gefüllt war. "Reiner ist so ein Mädchen, der will den Tisch nicht abwischen." 
Zwei Mädchen, die neben mir standen, hatten vor lauter Lachen eine gesunde rote Gesichtsfarbe und schon fast Tränen in den Augen. Offensichtlich hatte ich so ganz spontan genau den richtigen Ton getroffen. Diese Reaktion spornte mich an und ich hatte schon zahlreiche andere Kommentare in meinem Kopf herumschwirren, die ich aber leider nicht mehr nutzen konnte, denn Reiner stand plötzlich vor mir, mit gesengten Kopf und geradezu reumütig entgegnete er mir: "Ja, schon gut. Ich wisch ja schon ab. Aber bitte hören Sie jetzt auf!" Dabei hatte mir grad noch Franz zugeflüstert, dass Reiner auf Lynn steht und wenn ich das rufen würde, ... Aber wie gesagt, Reiner wischte ja jetzt brav den Tisch ab.
 
Nach der Pause berichtete mir der aufsichtsführende Kollege, dass einige Schüler fragten, ob ich denn so etwas dürfe. Mit großer Diplomatie kommentierte Herr Dellas den Fall folgendermaßen: "Ja, natürlich, die Frau Dingens darf alles... - Solange es nicht ehrverletzend ist, " schob er im Weggehen noch nach. Nur um juristisch auf der sicheren Seite zu sein...

Zum Ende des Schultages lernte ich noch von einer meiner Lieblingszehnten, dass die besonderen drei Worte nicht "Ich liebe dich!" sind, sondern "Fick mich, bitte!"

Freitag, 10. Februar 2012

So ausgelutscht...

Zum gestrigen Tag muss ich eben noch einen kleinen nachträglichen Eintrag tätigen, denn gestern war ich einfach nur unfassbar platt, platter wie 'ne Flunder. So acht Stunden am Stück und gefühlt ohne Pause... Mann, mann, mann, da konnt ich wirklich nicht mehr denken.
Der Tag begann frostig und mit Schnee. Noch keine Katastrophe, aber nicht wirklich schön. Am Dienstort angekommen, fiel mir eine größere Traube Schüler vor dem Schaukasten auf. Ich ahnte schon meine persönliche Katastrophe. Denn Menschenmassen vor dem Schaukasten heißt, dass es einen Vertretungsplan gibt und für mich konnte das nichts Gutes heißen, denn eigentlich hätte ich zwei Freistunden. Eigentlich. Laut Katastrophen-, ähm Vertretungsplan begann ein langer Tag für mich also mit Vertretungsunterricht. Da ich ja nun mittlerweile eine erfahrene und gestandene Pädagogin bin, stand ich dennoch kurz vor einem Nervenzusammenbruch, weil ich die Zeit doch brauchte, um meine lange to-do-Liste abzuarbeiten und den auf ein stattliches Maß angewachsenen Berg Test zu korrigieren.
Ich stand vor den Achten und bevor ich überhaupt wusste, was ich mit den Kindern machen sollte, bewegte sich mein Mund und ich wunderte mich, was da raus kam, denn ich fragte: "Geh'n wir raus und bauen einen Schneemann?" Die Begeisterung, die mir dann entgegen schlug überraschte mich. Also Jacke an und Mütze auf und raus in den Schnee. Das stattliche Ergebnis von etwa 30 Minuten harter Arbeit im Schnee sah dann unter anderem so aus.
Schneeballschlacht und Schneemann bau'n

Dann kämpfte ich mich durch die ersten beiden regulären Stunden. Nach diesen zwei Stunden hatte ich das Gefühl, ich müsste ganz dringend nach Hause ins Bett, aber vorher noch eine ausgiebige Menge Alkohol bestenfalls sehr hochprozentig und direkt intravenös. Als dann die Neunte in meinen Raum trat, war ich abermals kurz vor einem Nervenzusammenbruch und ich glaube, mein linkes Auge zuckte schwer unkoordiniert und ich hatte auch schon einen leichten Würgereflex, der sich allerdings im Laufe des Tages noch verstärken sollte. Vermutlich pflegte ich dazu auch noch eine äußerst blasse und mutmaßlich leicht grünliche Gesichtsfarbe. Anna sah mich ganz mitleidig mit großen Knopfaugen an. "Oooch, Frau Dinges, Sie sehen so ausgelaugt aus. Geht es Ihnen nicht gut?" Mein Kopf knallte auf die Tischplatte, es tat sogar ein bisschen weh, denn mir wurde soeben aufs Dramatischste bewusst, dass das jetzt erst meine reguläre dritte Stunde ist und ich noch vier Stunden vor mir hatte. Ich richtete mich auf, stellte mich vor die Klasse und versuchte irgendwie wieder Haltung anzunehmen, wohl eher schlecht als recht. Als ich das Begrüßungszeremoniell, also mit Aufstehen und so Gedöns, halbwegs würdevoll hinter mich gebracht hatte, zwinkerte Mario mir zu. Für einen winzigen Augenblick fühlte ich mich ganz anders, denn der Junge schaute mich eben nicht so an als sei ich nur seine Lehrerin. Möglicherweise lag das aber auch nur daran, dass Mario einen ganz leichten Silberblick hat. Dennoch war das eindeutig zweideutig. "Frau Dingens, Sie wirken so ausgelutscht..." Dann setzte er noch eine anzügliche Bemerkung nach und ich glaube, ich antwortete irgendwas mit "wenn du in der Zehnten deinen Abschluss gemacht hast, dann können wir darüber nochmal reden." Manchmal vergesse ich doch fast, dass ich pubertäre Schüler vor mir habe.
Genauso erging es mir dann mit einem unserer zahlreichen Mäxe (Ich muss daran denken, den lieben Herrn Schiller zu fragen, ob es einen Plural von Max gibt.) Nach einer gefühlten Drei-Minuten-Pause musste ich wieder in den Unterricht, aber Max versperrte mir den Weg. "Sie kommen hier nicht vorbei. Erst eine Umarmung!" Eine meiner einfachsten Übungen ist es mittlerweile Schüler zu umarmen. Am Anfang war das undenkbar. Schließlich hielt ich das für absolut unprofessionell und außerdem muss doch auch immer eine gewisse Distanz zwischen Schüler und Lehrer gewahrt bleiben. Doch heut seh ich das anders, grundsätzlich entspannter. So legte ich meine Arme um Max, meine Hände legten sich auf seinen Rücken und drückte ihn fest an mich. Er trat zur Seite und sagte nur noch "manno, jetzt hab ich 'n Steifen." In der nächsten Stunde saß er in meinem Fachraum, auf meinem Stuhl. Er grinste frech. "Wenn Sie sich setzen wollen, dann müssen Sie sich schon auf meinen Schoß setzten." Ich hätte kein Problem gehabt, das zu tun, aber Max im Gegensatz zu mir schon. Blitzschnell sprang er auf, schüttelte den Kopf und brummelte: "Och, ne,  lieber doch nicht, sonst krieg ich wieder 'n Steifen!" - Komisch, passt irgendwie zu Marios Kommentar von wegen ausgelutscht und so...

Dienstag, 7. Februar 2012

Synonym und Antonym

Immer wieder werde ich von Schülern gefragt, ob ich denn beim Friseur gewesen sei. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht haben die Schüler irgendeine merkwürdige Wette laufen oder es handelt sich dabei um eine Art Lehrerbingo.

Mitten im Unterricht und völlig ohne Zusammenhang (aber im Grunde ist das wiederum keine Überraschung, denn Schüler machen das ständig) fragte Robert mit seinem süßesten Lächeln als sei er die Unschuld vom Lande: "Frau Dinges, waren Sie beim Friseur?" Ich packte mir ebenfalls mein süßestes Lächeln ins Gesicht (nur das man mir die Unschuld vom Lande nun leider nicht mehr so abkauft) und antwortete leise aber scharf: "Das ist ja schon der Running-Gag. Ständig werde ich das gefragt. Langsam wirds nervig." Ich strahlte siegessicher, denn ich glaubte routiniert zu kontern, indem ich vermutlich etwas übertrieben freundlich hinzufügte, wobei mein Lächeln sogar noch etwas breiter wurde: "Aber wenn das ein Synonym dafür sein soll, dass ich gut aussehe, dann ist das schon so in Ordnung." In diesem Moment bin ich davon ausgegangen, dass ich den Schlagabtausch gewonnen hatte. Schließlich wartete ich darauf, dass sich Robert blamiert und fragen würde, was denn überhaupt so ein Synonym sein soll. Doch ich hatte mich böse geirrt. Robert konterte eiskalt. "Nein, das soll ein Antonym sein." - "Boah", platzte es aus mir heraus, "du bist so fies!" Ich musste lachen. Zuerst natürlich über mich, weil ich den Jungen in diesem Moment total unterschätzt hatte. Und so hab ich leider nicht verstanden, was Robert antwortete. Nun im stillen Kämmerlein hoffe ich, dass er etwas mit "Scherz" gemurmelt haben könnte. Komisch war an dieser Stelle nur, dass die ganze Klasse nicht gemerkt hat, wie mich Robert eiskalt abserviert und gedisst hat und das nur weil ich dachte, dass der Junge keine Fremdwörter kennt. 

Was lehrt mich die Geschichte? Man soll seine Feinde nie unterschätzen? Aber mal ganz ehrlich, die meisten Schüler kennen tatsächlich keine Fremdwörter und sollten sie tatsächlich mal welche kennen, dann wissen sie nicht, was sie bedeuten...

Montag, 28. November 2011

Sooo vermisst

Nach drei Wochen Praktikum waren heut endlich die Zehnten wieder da. Schon vor der ersten Stunde strahlt mich Jasper an und wären links und rechts am Kopf nicht die Ohren befestigt, wäre sein unwiderstehliches Lächeln (oder war es schon ein Grinsen?) noch größer geworden. "Na, Frau Dingens, wie geht es Ihnen? Jetzt, wo wir wieder da sind. Sie haben uns doch gaaanz sicher schrecklich vermisst,"  säuselte mir der Kleine schon fast ins Ohr. "Ja, natürlich, hab ich euch vermisst und ganz besonders dich!" antwortete ich mit einem schelmischen Grinsen und war froh dabei, dass Jasper zu der seltenen Ausnahme von Schüler gehört, der Ironie versteht.

Dann betrat ich die 10b, die ich im vergangenen Jahr, in der sie noch Neunte war, wirklich hasste. Doch das hat sich mittlerweile geändert und zwar so sehr, dass ich am heutigen Tag den Klassenraum betrat, strahlte und die Jungs und Mädels mit den Worten begrüßte "Scheiße, mann, hab ich euch vermisst." André strahlte zurück und antwortete: "Wir haben uns ja auch lang nicht gesehen. Ich kann verstehen, dass Sie uns vermisst haben." - "Genau" grinte ich, "und deshalb müssen wir uns zur Begrüßung auch mal gaaanz dolle drücken!" Bei André handelt es sich wiederum um einen Schüler, der es nicht so mit Ironie hat. Genau aus diesem Grund hat er diese ironische Ansage wohl auch wörtlich genommen und kam mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Ehe ich so recht wusste, ob ich das überhaupt wollte, fühlte ich mich wie in einen Schraubstock eingespannt. André packte zu, aber richtig, so dass ich kaum noch Luft bekam. Danach ging er zu seinem Platz zurück und strahlte weiter. Ich rang schwer nach Luft, sortierte mich kurz und sortierte mich dann nochmal kurz....

Den letzten Rest verpasste mir dann noch Michi, der mich ebenfalls mit strahlendem Lächeln begrüßte, welches ich mit einen "Hallo Schatz!" erwiderte. Solch unbedachte Äußerungen meinerseits gehören im Grunde wirklich bestraft, denn dieser junge Mann versteht eben auch keine Ironie. Oder ist er einfach auch nur bekifft und weiß grad nicht so genau, dass er eine Lehrerin vor sich hat. Manche würden dieses Verhalten auch als distanzgemindert bezeichnen. Außerdem frage ich mich ernsthaft, warum diese Kerls solche flapsigen Kommentare von mir auch immer für bare Münze nehmen. Schließlich konnte ich auch wirklich nicht ahnen, dass er nun gleich von hinten an mich heranhüpft, mir um die Taille fasst, seinen Kopf an meinen Rücken lehnt und feste zudrückt. Vielleicht sollte ich doch in Zukunft ein klitzekleinwenig vorsichtiger sein.