Wer eine Reise macht, der kann was erzählen. Dieses alte Sprichwort bewahrheitete sich heute bei mir mal wieder. Ich bin mit der Deutschen Bahn unterwegs. Beim Gleiswechsel durch eine Unterführung fällt mir ein braungebranntes Pärchen auf. Beide berucksackt. Er bewegt sich schnellen Schrittes, sein Oberkörper nach vorn gebeugt. Vielleicht ist er mit dieser Körperhaltung schneller oder sein Rucksack ist so schwer. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall habe ich den Eindruck, dass sie nicht genau weiß, wo sie hin müssen. Sie schaut sich unsicher um.
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Freitag, 3. August 2018
Montag, 22. April 2013
Blut, Tränen und Mc'n
Heute war ich mit Schülern unterwegs. Anstrengung, Stress und Stimmung kann dabei je nach Klasse, Fahrtziel und Wetter variieren. Die Kombination heute versprach einen ruhigen Tag, denn es war meine Klasse, es ging nach Berlin und das Wetter war sonnig, aber nicht zu heiß. Das Programm war eng gefasst, relativ übersichtlich und die Bahnverbindung war so gewählt, dass wir zügig und ohne größere Mätzchen von A nach B kommen.
"Ja, aber wir haben doch noch Zeit?" Ich schaute André fragend an, schüttelte den Kopf und sagte nur knapp: "Nein!" André verdrehte die Augen. "Aber... aber... Ich möcht doch noch zu Mc'n" Aus seinen braunen Kulleraugen blickte mir die tiefe Enttäuschung eines kleinen Jungen entgegen, der soeben verstand, dass es doch nicht der Weihnachtsmann ist, der am Heiligen Abend die Geschenke bringt.
Da gesellte sich Flo in seiner coolen, entspannten Checkerpose zu uns, rempelte mir so kumpelhaft in die Seite: "Ach, Frau Dingens, ham'se sich doch mal nicht so. Wir haben doch noch genug Zeit. Und Mc'n geht doch auch ganz schnell. Heeßt ja wohl ooch Fast Food" Nein, wir hatten die Zeit nicht und ich erklärte mit pädagogischer Sanftmut, dass wir nur wenige Minuten Zeit zum Umsteigen haben. Andrés Verzweiflung wuchs zusehends und fast hatte ich den Eindruck, dass der Junge gleich anfängt zu weinen. Ich legte ihm die Hand um die Schultern. "Mäuschen, du bist heut ganz schön traurig und enttäuscht." Dabei bemühte ich mich eines ernsthaften Tonfalles, denn ich hatte mal irgendwo gehört, dass es wirklich total wichtig ist, dass man seine Schüler ernst nimmt. "Ja!" schniefte André nur. "Aber heute haben wir keine Zeit!" beschwichtigte ich. Er war wohl sicher immer noch traurig, aber er verstand wohl.
Und dann war da noch der kleine blonde und blauäugige Benni, der sich im Eifer des Gefechtes den Ketchup von seinem Bratwurstbrötchen auf die Hose drückte und seiner Mitschülerin mit kessem Grinsen im Gesicht erklärte, dass er Blut auf der Hose hat, weil er ja nun grad seine Tage hätte. Benni bat mich zuerst um ein Taschentuch und dann um einen Tampon. Letzteres natürlich nur zum Scherz und ersteres um das Ketchupblut von seiner Hose zu wischen. Zunächst wollte er wissen, ob denn Ketchup aus den Klamotten wieder rausgeht. Ich nickte. Dann stellte Benni noch fest, dass Frauen ja mal schon allein wegen der Hygieneartikel teuer seien...
Montag, 28. Mai 2012
Versuch einer höflichen Kommunikation mit dem Lehrer außerhalb der Schule
Da freut man sich mal wieder über ein verlängertes Wochenende und darüber die lieben Kleinen, also ich meine die Schüler nicht zu sehen. Frohen Mutes begebe ich mich zu einen Ausflug auf den Bahnhof. Da rollen Julian und Jan mit ihren Rädern an mir vorbei. Das kann mir doch die Laune nicht verderben. Ich lächle freundlich, beide Jungs grüßen freundlich und ich sag, wie immer, einfach "moin".
Dann steh ich auf dem Bahnsteig und die Jungs plötzlich neben mir. Ich denke noch so bei mir: "Oh, bitte, ich will jetzt nicht mit den Beiden reden. Nein, ich hab da sowas von überhaupt gar keinen Bock drauf. Bitte, bitte, bitte haltet doch einfach mal nur die Klappe." Natürlich war mir klar, dass das allerdings völlig ihrer Natur widersprechen würde, denn in der Schule halten die nämlich auch nie die Klappe. Aber ein Versuch war's doch zumindest wert.
So kam es wie es kommen musste. Jan strahlte mich an. Da fiel mir noch so auf, dass der Junge wirklich schöne, klare blaue Augen hatte. Dann fragte er mich: "Na, Frau Dingens, wo fahren Sie denn hin?" - "Was geht dich das denn an?" Meine Reaktion war schon ziemlich schnippisch, schließlich wollte ich die Beiden von der Backe. Aber es überraschte mich gar nicht, dass sich Jan davon nicht beeindrucken ließ. So konterte er: "Da will man einfach nur mal höflich sein und mit einem Lehrer außerhalb der Schule Kommunikation betreiben und dann ist das auch schon wieder falsch." Mh, da hatte er wohl recht. So antwortete ich kurz und gab mein Reiseziel bekannt. Dann erzählte er mir alles, was ich im Grunde zwar nicht wissen wollte, aber durchaus unterhaltsam und dazu äußerst kurzweilig fand. Jan erzählte von der gestrigen Party. Julian lachte und erklärte, dass er ja eigentlich gar keinen Wodka trinken wollte und plötzlich war die Flasche einfach leer. Ich dachte noch so bei mir: "Kenn ich, hab ich auch schon mal von gehört." Aber jetzt seien Beide ganz fleißig und trügen Zeitungen aus. Danach würden sie aber direkt wieder für die Schule lernen. Ich lachte und entgegnete, dass die Beiden noch nie für meinen Unterricht gelernt hätten. Jan schaute mich ernst mit seinen glasklaren blauen Augen an und erklärte mir, dass ich doch ein Fach unterrichten würde, bei dem man gar nicht so viel lernen müsse, sondern einfach nur gut mitarbeiten müsse. Verflixt, der Junge hatte sogar recht. Mist! So grinste er mich verschmitzt von der Seite an: "Stimmt's Frau Dingens, Sie denken grad, der is ja gar net so blöd." - "Das weiß ich doch! Aber ich kenn auch dein Motto. Ein Mal doof stellen, reicht manchmal für'n ganzen Tag." Jan musste gestehen, dass ich recht hatte.
Nebenbei schrieb Julian noch eine Nachricht. Er erklärte mir, dass er unbedingt noch schnell Nessi mitteilen musste, dass er gerade Frau Dingens auf dem Bahnhof getroffen hätte. Ja, genau! Das muss man auch noch ganz schnell bei Facebook posten. Als der Zug dann einfuhr, war ich fast schon ein bisschen traurig, denn es war mit den beiden Jungs dann doch noch lustiger als erwartet. Verabschiedet wurde ich dann noch mit den Worten: "Können Sie bitte mal schauen, wo der böse Onkel mit der Mütze ist? Aber nicht, dass Sie denken, dass wir schwarz fahren. Das würden wir nämlich niemals tun."
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