Dienstag, 3. August 2010

Wer eine Reise tut...

Wer eine Reise tut, der hat viel zu erzählen, so heißt es doch landläufig. Und tatsächlich bestätigt sich dieses Sprichwort gerade heute für mich. Doch zum ersten Mal habe ich das Gefühl solch alltägliche Geschichten tatsächlich festhalten zu wollen.
Zunächst mutet es doch etwas merkwürdig an in einer Regionalbahn von Leipzig nach Zwickau, also obwohl Messe- und Weltstadt Leipzig, dann doch eher ländlich, meinen schicken tragbaren Rechner auszupacken und los zuschreiben. Einige verwunderte Blicke ernte ich. Ein junges Mädchen beugt sich neugierig nach vorn und hofft darauf, einige Blicke auf meinen Bildschirm zu erhaschen. Doch leider kann sie nichts erkennen und lehnt sich wieder zurück, mampft weiter an ihrem Baguette.

Eben saß noch in einem Café und trank auf die Schnelle noch einen Latte Machciato. Ich hatte heut noch keinen Kaffee und so war ich soweit noch nicht ganz Herr meiner Sinne. Noch so im Halbschlaf versuchte ich die FAZ durchzublättern, was sich allerdings als fast unmöglich darstellte, da sie in eine stabile Holzleiste eingespannt war und aus diesem Grund extrem unhandlich war. Ich beäugte die Technik und verstand, dass ich die beiden Holzleisten gegeneinander schieben muss, um die Zeitung aus ihrem Gespann zu befreien. Endlich konnte ich etwas lesen und dazu diesen schönen heißen Kaffee trinken. Ein Beitrag über die Kinder vom Prenzlauer Berg erregte meine Neugier. Glücklicherweise bin ich ein wirklich geübter Schnellleser, denn ich stellte fest, dass ich in zehn Minuten zum Bahnsteig musste. 40 Minuten Aufenthalt auf dem Leipziger Hauptbahnhof sind absolut zu wenig.
Zwei Damen zu meiner linken Seite genossen zur Mittagsstunde zwei Stückchen Kuchen - jede. Zu meiner rechten Seite saß ein Pärchen, das frühstückte. Ich verstand nur nicht recht worüber die Beiden sich unterhielten. Denn ich schnappte nur Fetzen ihres Gespräches auf. Mir schien so, dass sie ihm eindringlich zu verstehen geben wollte, dass sie ihn liebe. Er erklärte ihr ohne den Anschein einer Gefühlsregung, dass sie doch erwachsen seien und eine Lösung finden müssten, mit denen sie beide leben konnten. Während ich über ihre Geschichte nachdachte, setzten sich zwei ältere Damen an den freien Tisch zwischen mir und dem Pärchen. "Nu setz dich mal, mein Schätzchen!", flötete die eine Dame der anderen im feinsten Leipziger Sächsisch über den Tisch zu. "Ist der Stuhl recht so oder möchtest du lieber hier auf der Bank sitzen?" - "Nee, hier is schon prima." Ich war doch recht amüsiert, denn so schönes Sächsisch hatte ich schon lang nicht mehr gehört. Dann fragte die Dame, die direkt rechts neben mir auf der Bank saß, die Andere,  was sie denn  trinken wolle und ob sie denn "Schpreit" kenne. Ich hielt kurz in meiner Lektüre inne und ich fragte mich, was das denn sein solle. Als die zweite Dame dann antwortete: "Nu glar, kennsch Schpreit", wurde mir klar, dass damit dass süße klebrige Zeug gemeint ist, das gemeinhin auch als Softdrink bekannt ist. So bestellte die erste Dame "Zwei Schpreit". Um sich zu vergewissern, ob die Bedienung auch richtig verstanden hatte, wiederholte sie: "Also zwei Sprite." Glücklicherweise verbarg ich mein Gesicht hinter einer Zeitung, so konnte keiner sehen, dass ich wirklich grinsen musste. Ich hätte zu gerne diese Szenerie weiter verfolgt, denn die erste Dame packte gerade als ich meine Tasche schulterte eine Digitalkamera aus. Das hätte wirklich spannend werden können. Sie hatte soeben angekündigt, dass sie der zweiten Dame gerne ihren Jungen zeigen wollte. So eilte ich aus dem Café auf Bahnsteig 16, wo bereits die Regionalbahn nach Zwickau stand und in welcher ich mich nun in doch ein wenig unbequemer Sitzposition befinde.
Ich bin müde und ich befürchte, dass die Wirkung des Kaffees schon nachlässt. Die Nacht war kurz und vor allem unbequem. In meiner neuen Wohnung befinden etwa 30 gut gefüllte Umzugskartons und ein rotes Ikearegal. Kein Bett, kein Tisch, kein Kühlschrank. So habe ich die erste Nacht in meiner neuen Wohnung auf dem Teppich in einem Schlafsack verbracht. Am Morgen hatte ich mich schon auf einen Kaffee gefreut. Der Wasserkocher, eine Tasse und die Aufbrühkanne für den Kaffee standen bereit. Mit 200 prozentiger Sicherheit befand sich das Kaffeepulver in derselben Kiste wie die Aufbrühkanne. Doch am heutigen Morgen war das Kaffeepulver nicht mehr aufzufinden. Selbst mit frisch geputzter Brille war es nicht mehr zu entdecken. Es machte mich wahnsinnig, denn am Abend davor hatte ich es doch noch in den Händen gehabt. Offen gestanden verstehe ich es bis jetzt noch nicht, wo dieses Biest abgeblieben ist. Das nebulöse Verschwinden des Kaffeepulvers bescherte mir nach einer miesen Nacht auch noch einen miesen Morgen ohne Kaffee. Wenigstens hatte ich Zahnbürste und die Zahnpasta in den Kisten schon gefunden und im Bad sichergestellt. Somit genügte mein Aufenthalt zumindest den minimalen hygienischen Standards. Frisch gewaschen und mit frisch geputzten Zähnen - und hatte ich schon erwähnt ohne Kaffee? - verließ ich das Haus und begab mich auf die Reise in diesen neuen schönen Sommertag. Alles eine Frage der Perspektive! Sicherlich hätte ich auch sagen können: Dieser Tag begann schon so beschissen ohne Kaffee, dass da ja nichts Gutes mehr kommen kann.

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